Roger Ballen stellt im MARTa Herford seine Fotoserien aus

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Ungewöhnliches Paar. Der Fotograf Roger Ballen hat „Mann mit Katze“ (1995) für seine Serie „Outland“ aufgenommen, zu sehen im MARTa Herford. ▪

Von Achim Lettmann ▪ HERFORD–Wie kommt der Mann an die Katze? Irgendwie passen sie nicht zusammen. Starr und ein bisschen teilnahmslos wirkt er, während das Tier mit großen Augen den Fotografen fixiert.

Das ungleiche Paar hat Roger Ballen für seine Foto-Serie „Outland“ 1995 ins Blitzlicht gerückt. Ein Porträtbild, das mit der Wirkung der Pose spielt. Denn der Moment scheint inszeniert. Aber was Konzept oder was Zufall ist, lässt sich auf der Fotografie nicht erkennen. Nur Roger Ballen weiß das. Und nach der Eröffnung der Ausstellung am Sonntag im Marta Herford könnte man ihn fragen. Ballen will zur Schau „Roger Ballen. Fotografien 1969 – 2009“ sprechen. Marta-Direktor Roland Nachtigäller erwartet sogar eine Art Performance des Künstlers.

Dass sich der Fotograf, der 1950 in New York geboren wurde, zu Ausdrucksformen der bildenden Kunst hingezogen fühlt, dokumentiert auch sein fotografisches Werk. Die Ausstellung ist im Stadtmuseum München erstmals gezeigt worden. In Herford sind 120 Fotografien aus sieben Serien zu sehen – alle schwarzweiß und analog fotografiert.

Ballen hat wie so viele mit der Street Fotografie begonnen. Menschen „Auf dem Heimweg“ (1969) vor Straßenkreuzer und Bierwerbung, ein Händler in „Conney Island“ (1973), der Plastikfiguren anbietet. Alltagsszenen, die einen Blick verraten, der an der sozialdokumentarischen Fotografie geschult wurde. Auch komponierte Bildmotive sind zu sehen, wie sie die Weltentdecker der Fotoagentur Magnum im Portfolio hatten. Ballens Mutter arbeitete ein paar Jahr für das Fotografenlabel in New York. Als sie 1973 starb, war ihr Sohn geschockt. Er hatte Psychologie studiert und mit der Fotografie begonnen. Nun musste er eine Krise verarbeiten und ging auf Reisen. Der Nahe Osten, Asien und Südafrika sind seine Ziele. Vor allem das Land am Kap hatte ihn ergriffen. Er bleibt 18 Monate und wird später, 1981, mit seiner Frau ganz nach Südafrika ziehen.

Die Ausstellung in Herford zeigt auch Roger Ballens bekannte Serie „Platteland“ (1994). Ballen porträtiert weiße Südafrikaner, deren Vorfahren niederländische Buren waren. Aufgrund von Inzucht ist ihr Erbgut geschädigt. Das Porträt von Zwillingen aus West-Transvaal (1993), die deformierte Köpfe haben und debil erscheinen, wirkt wie ein Fotodokument, das die damalige Gesellschaftsform in Südafrika überführt. Es sind verarmte Weiße, die unter sich geblieben sind. Die Menschen auf den Bildern „Goldschürfer im Haus“, „Sergeant F. de Bruin“, „Cookie mit Frau Tilli“ wirken alle verlassen, zurückgeblieben. Alkoholismus und familiäre Gewalt sind in den Bildern zum Greifen. Ballen gibt eine indirekte Antwort auf den Apartheidsstaat. Das Elend der Schwarzen muss er nicht zeigen.

Etwas Befremdliches taucht in Ballens Fotografien immer wieder auf. Er verstört gern. Wenn ein junger Mann mit Glasauge und einer Ratte (1999) zu sehen ist. Man kommt diesem Pärchen nahe, aber geht doch innerlich auf Distanz, so merkwürdig wirkt das Duo.

Roger Ballen sucht Tabuzonen. Für die Serie „Boarding House“ hat er eine Lagerhalle besucht, wo Obdachlose, Kriminelle, Wanderarbeiter und Tiere zusammen leben. Der Fotograf arbeitet szenisch mit seinen Models. Für „Knurrender Hund“ (2007) hat er ein Tierskelett aufgehängt, das mit Zeichnungen zu einem Wesen ergänzt ist. Darunter liegt ein Hund, der die Zähne fletscht, neben einer ausgestopften Antilope. Menschen verschwinden zunehmend aus seinen Bildern. Dafür sind Figuren an die Wände gekritzelt, aus Draht Gestalten modeliert und gebogen sowie Arrangements getroffen – mit Tieren, Spielzeug, Möbelstücken.

Roger Ballen hat sich schrittweise vom Menschen- und Dokumentarbild entfernt und der szenischen Fotografie verschrieben. Die Serie „Asylum“ (2009) zeigt Masken vor Puppen, Tauben vor Wandmalereien und Trash-Skulpturen. Eine surreale Bühne bizarrer Überreste, die den Schluss nahe legen, dass Ballen in den Fotografien mehr auf die eigene Gedankenwelt abstrahiert als auf die Realität seiner Schauplätze.

Die Schau

Eine singuläre Position in der zeitgenössischen Fotografie. Rätselhaft und beunruhigend.

Roger Ballen. Fotografien 1969-2009 im MARTa Herford. Eröffnung Sonntag, 11.30Uhr. Der Künstler ist anwesend. Bis 17. Juni; di-so 11 bis 18 Uhr, Tel. 05221 / 99 44  300. http://www.marta-herford.de

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 32 Euro

Quelle: wa.de

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