Fotos online!

„Rock am Ring“ feiert ohne Top-Gruppen

Im Nebeldunst: Jared Leto, Frontmann der amerikanischen Rockband „30 seconds to mars“.

NÜRBURG - Fred Durst hat einen Bart. Das halbe Gesicht des Limp-Bizkit-Frontmannes ist unter einem Borsten-Polster verborgen. Wenn er dabei altväterlich auf die wabernde Masse vor der Bühne blickt und fragt, ob es allen gut geht und auch wirklich jeder für die Sicherheit seines Nebenmannes garantiert, ist das nicht frei von Ironie. Fast scheint es, als fühle sich Durst ein wenig unwohl, als er die Bühne verlässt, um sich vom Publikum auf Händen und Schultern tragen zu lassen.

Von Sabine Fischer

Junge Wilde sind Limp Bizkit inklusive Ausnahme-Gitarrist Wes Borland nicht mehr. Wohl aber einer der Topacts bei „Rock am Ring“ und alte Hasen im Geschäft. Als solche wissen sie, was der Party fehlt und steuern es bei: Sie covern die ganz Großen von Pearl Jam über Guns ‘n’ Roses bis hin zu George Michael, lassen sich selbst vor allem für ihre melodiösen Hits wie „Behind Blue Eyes“ oder „Boiler“ feiern und verabschieden sich schließlich humorvoll mit einem angetäuschten „Stayin’ Alive“ von den BeeGees.

Die Eifel erlebte am Wochenende ihr bislang unaufgeregtestes Festival, dessen Künstler sich selbst nicht allzu ernst nahmen. Nach der Pleite der Nürburgring-Betreiber war lange unklar, ob 2013 zum 28. Mal am Ring gerockt werden konnte. Konzertveranstalter André Lieberberg kämpfte um alternative Orte und schwebte hinsichtlich des Bookings kurz im leeren Raum. Das Ergebnis war ein Festival, dem große Namen fehlten. 30 Seconds to Mars, Green Day, Seeed, Korn, Casper, die Sportfreunde Stiller und Prodigy sind Hausnummern, aber eben nicht diet Top-Adressen im Musikgeschäft.

André Lieberberg sprach von einer „Veränderung der Booking-Strukturen“, einer Hinwendung zum Mittelfeld der Musikszene. Und sagte: „Wenn wir die Schritte nicht gehen würden, könnte es dieses Festival nicht mehr geben.“ Aber die Masse macht’s: 87 000 Besucher sorgen für Ausverkauf am Ring; 73 000 machen Rock im Park zum neuerlichen Erfolg.

Künstler zeigen, was unter die Haut geht

Künstler wie Biffy Clyro und die Jungs von Bullet for my Valentine machten es vor: Man zeigte, was unter die Haut geht, und ließ die Muskeln spielen. Bei wem Tattoos und Sixpack nicht dort saßen, wo die Kleidernähte endeten, der half nach: Die T-Shirts im Publikum verloren schon am ersten Festival-Tag die Fasson, mutierten zu X-Lappen und Q-Skirts. Abgerissen und zerschnitten wurden die Stofffetzen neu gewickelt und um Körperkunst drapiert.

Wer weniger Wert auf „Kriegsbemalung“ legte, der griff zu Tiermasken- und Mützen, betrieb Verhüllungskunst mit Omas Bibi und Pelzkragen und tanzte stilecht zu den Songs wie denen von Pandabär-Maskenträger Cro. Der forderte gleich alle Singles auf, sich zu umarmen und ins Zelt mitzunehmen, wer einem gefalle.

Das war nur am Freitag eine gemütlich-kuschelige Angelegenheit. Nicht umsonst sagen die Eifeler „Entweder scheint die Sonne oder am Ring ist eine Veranstaltung“. Die Regenwolken folgten den Festivalbesuchern und sorgten für feuchte Fröhlichkeit am Samstag und Sonntag.

Seltenheit: Band nimmt sich Zeit für die Fans

30 Seconds to Mars nahmen sich viel Zeit für Fan-Kontakte, am Ring eine echte Seltenheit. Die Beatsteaks reisten spontan an, um ein wenig zu konzertieren und stifteten dadurch ein wenig Verwirrung im Programm. Phoenix brachten mit ihrem zuckersüßen Gute-Laune-Pop-Rock, bei dem sogar die schwarzen Tasten am Keyboard durch weiße ersetzt wurden, vor allem das weibliche Publikum zum Tanzen.

Viele nahmen das harte Rocker-Image diesmal auf die Schippe, so etwa Stone Sour-Sänger Corey Taylor der nahezu keinen Satz ohne „F...“-Wort formulierte, grinsend Stinkefinger und Zunge präsentierte. Mit einer Coverversion von „Children of the Graveyard“ zollte er Ozzy Osbourne ebenso Tribut wie Bullet for my Valentine, die sich dessen Carmina-Burana-Intro ausborgten – das alles natürlich sehr zum Amüsement der Fans, die auch über Fettes Brot grinsten. Die Rapper spendierten sich nach fünf Jahren Abstinenz einen Show-Start auf Motorrädern.

Zu den absoluten Highlights am Ring zählten Auftritte wie die von Paramore, Korn und Volbeat, die bewiesen, dass das Publikum sich unabhängig vom Härtegrad nur zu gern und willig mit Melodiösität verführen lässt. Bengalos flammten auf zu den Klängen von Prodigy. Hunderte junge Männer bildeten Mosh-Pits und drehten sich im Feuerschein. Ein Anblick, der an archaische Initiationsrituale erinnerte.

Neues Festival

Weiterhin eröffnet „Rock am Ring“ mit „Rock im Park“ die Saison der Großfestivals in Deutschland. Aus der Unsicherheit um den Fortbestand der Traditionsveranstaltung im vergangenen Jahr ist eine neue Veranstaltung erwachsen: Erstmals plant Lieberberg-Events mit dem Festival „The Rise of Rock ‘n’ Heim“ am Hockenheimring vom 16. bis 18. August. Mit dem Festival soll laut Veranstalter die Saison beschlossen werden. Bis zu 45. 000 Besucher werden erwartet. 25 000 Tickets sollen bereits verkauft worden sein. Außerdem wird spekultiert, ob „Rock am Ring“ 2014 an vier Tagen stattfindet

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare