„Rock am Ring“ mit Die Ärzte, Tool und Slayer

Die härtere Gangart: Johan Hegg tritt auf der Hauptbühne des Festivals „Rock am Ring“ mit der Metalband Amon Amarth auf. An drei Tagen spielten rund 75 Bands auf drei Bühnen vor mehr als 85 000 Zuschauern. Foto: frey/dpa

Nürburg – Die Lachfaltenbündel tief, die wilde Mähne vom Winde verweht. Sichtlich bewegt lässt Tom Araya den Blick über die Menge schweifen, die mit erhobenen Armen individuelle Abschiedsgrüße entbietet. Der Slayer-Frontmann verschwindet nur kurz, steht Sekunden später wieder auf der Bühne, diesmal ausgestattet mit Wasserflasche und weißem Handtuch. Dabei wirkt er wie ein Boxer, der nach siegreichem Kampf den Ring noch nicht verlassen mag.

Wehmütig dankt er dem Publikum für seine Treue. Es ist ein Abschied auf Raten. Seit 2018 touren die Thrash-Metaller um den Globus, um sich von ihren Fans zu verabschieden. Und die nehmen weite Wege auf sich, um live zu erleben, wie das Urgestein ins Rollen gerät.

Am Nürburgring buhlten Slayer zeitgleich mit den Spaß-Punkern Die Ärzte um die Gunst des Publikums. Entsprechend kleiner fiel das Abschiedskomittee aus, denn die Ärzte bereiten nicht nur vorgeblich ihre Auflösung und die letzte Tour vor, sondern ihre Auftritte bei „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ an diesem Wochenende waren zugleich auch ihr Comeback. Und das zog natürlich die Massen. In der Eifel litten die Ärzte selbst am Parallelaufritt, denn Slayer hätte sich das Trio nach eigenem Bekunden sehr gerne selber angeschaut.

Ihre letzte Live-Show bestritten Farin, Bela und Rod 2013. Nun befeuern sie Spekulationen um ihr neues Album und hauen den Song „Abschied“ in einer vegetarischen und einer veganen Version raus. Bei der Ärzte-Visite am Ring fehlt dem Publikum nix – von „Ignorama“ über „Lady“ bis hin zu „Hurra“, „Junge“, „Schrei nach Liebe“, „Westerland“ und „Lasse redn“ ist vieles dabei. Eingebettet in ein zotiges verbales Pingpong-Spiel mit Mitmachanimation. So klappert das Publikum brav mit den Zähnen, laut Farin nur das Warmup für den Flatulenzapplaus, der zum Wohle aller allerdings dann doch ausbleibt.

Die Marek Lieberberg Konzertagentur hat in diesem Jahr auf altbekannte Pferde gesetzt. Slipknot kamen gern und setzten einen furiosen Schlusspunkt am Sonntag: Mit dem Song „Unsainted“ machten sie Appetit auf das für August angekündigte Album „We are not your Kind“, setzten aber ansonsten auf bewährtes Material wie „Vermillion“, „Before I forget“, „Duality“ oder Klassiker wie „Spit it Out“. Nach einigen Besetzungswechseln scheint ein Reifeprozess eingesetzt zu haben. Die wilde Ungezügeltheit der Maskenmänner wirkt heute mehr denn je wie eine kalkulierte Inszenierung, die am Ring auch gleich als Live-Mitschnitt konserviert wurde. Konzertiertes Ungestüm hin oder her – nach wie vor ist es eine Kunst, die Band abzumischen. Jay Weinberg gibt dem Double-Base-Geballer einen neuen Schwung, Shawn Crahan bezwingt die Percussions wie ein frisch geschlüpfter Dämon, so dass der gewaltige Krawumms-Effekt immanent und allgegenwärtig bleibt. Aus dem Klangbrei und Geschepper schälte sich am Ende aber dennoch der eigentlich Slipknot-Sound. Der geläuterte Sänger Corey Taylor wurde in dieser Nacht nicht müde, sich zu bedanken und zu betonen, wie viel der Band der Kontakt zu den „verrückten“ deutschen Fans bedeutet. Eine artige Geste, die die wilden Kostümierungen krass kontrastierte.

Sieger der Herzen waren wohl am Sonntag Tenacious D. Behäbig und haarig tapsen Kyle Gass und Jack Black über die Bühne. Optisch nähern sich die beiden von Auftritt zu Auftritt einander an. Dabei bestechen sie durch ihren in die Jahre gekommenen, jungenhaften Charme. Und präsentierten einen Mix ihrer bislang vier Studio-Alben, der keinen Zweifel an der Beantwortung der Frage „What is the most powerful form of rock?“ aufkommen ließ. Poker? „No.“ – Heavy Metal.

Die Formation Alice in Chains, in der weiterhin die Stimme von Jerry Cantrell klingt, Slash – featuring Myles Kennedy & The Conspirators und die Smashing Pumpkins gestalteten den Festival-Auftakt auf der Hauptbühne und bereiteten den Weg für die Kultband Tool. Wenn Smashing-Pumpkins-Frontmann Billy Corgan in seinem schwarzen Talar publikumswirksam zusammensackt und das „Ava adore“ herausquält, ist das nicht unbeding massentauglich, aber für die (alten) Fans ein Erlebnis, da die Band nach Auflösung, Besetzungs-Hin-und- Her und Selbstfindungstrips noch einmal in fast originaler Besetzung auf die Bühne gefunden hat. Mit Iro und dramatischer Kosmetik augenfällig, doch stets den Mittelpunkt vermeidend präsentierte sich Tool-Sänger Maynard James Keenan. Tool bleibt die Progressive-Band der Gegensätze: Visuelle Effekte, verstörende Videosequenzen, die die Band einst bekannt machten, und komplexe Klänge verschmelzen zu einer Collage, durchsetzt mit durchaus tanzbaren Parts von Songs wie „The Pot“ oder „Jambi“, die vor allem in den hinteren Reihen mit ausgelassenem Freestyle interpretiert werden.

Ein Topact des Festivals war auf der kleinsten, der Alternastage zu finden. Die amerikanische Hardcore-Formation Beartooth begeisterte das Publikum zwischenzeitlich derart, dass der an der Bühne vorbei flanierende Publikumsstrom sich staute.

„Feine Sahne Fischfilet“ brachten die Weltpolitik, benannten was „scheiße“ ist und forderten Straffreiheit für Seenotretter, die Menschen vor dem Ertrinken bewahren. Dass es auch umgekehrt geht, demonstrierten Behemoth, die Kreuze umdrehten und ihr zunächst wohlwollendes Publikum in die Flucht fauchten.

Scharfe Geschütze fahren die Power-Metaller Sabaton auf. Die Schweden thematisieren in ihren Songs historische wie fiktive Gefechte und geben sich humorvoll-martialisch. Ein Schlachtengetümmel, das dank der ihm inne wohnenden Selbstironie eine sehr sympathische und mitreißende Atmosphäre erzeugt.

Gleiches gilt für weitere Bands. Ob Amon Amarth, Kadaver, Godsmack oder Kvelertak, zum Reiten der kräftiger Druckwellen bot sich manche Chance. Trivium bestechen durch ihre akzentuierte Aussprache deuscher Vokabeln wie „wunderbar“ und zeigten sich ehrlich erfreut über die große Begeisterung, die ihnen das Ring-Publikum zuteil werden ließ.

Die Architects knüppelten durch ihr Set, versäumten aber nicht, für mehr Liebe zu werben. Herzerwärmend, was bei den durchgängig eher frischen Temperaturen am Ring sicherlich nicht unwillkommen war.

Wetter und „Shitstorm“

Nürburg/Nürnberg – Bei dem Zwillingsfestivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ blieb das große Wetterchaos aus. Rund 85 000 Zuschauer wurden im Schnitt pro Tag am Nürburgring gezählt und 72 500 auf dem Nürnberger Zeppelinfeld, wie die Veranstalter mitteilten.

Während die Gewitterwolken in der Eifel an den Fans vorbeizogen und nur der ein oder andere Pavillon sowie hier und da ein Zelt vom Sturm in Mitleidenschaft gezogen wurde, brach über das Nürnberger Zeppelinfeld ein wortwörtlicher „Shitstorm“ herein. Der Grund: Zahlreiche Toiletten und Duschen fielen zu Beginn des Festivals aus, vor den wenigen vorhandenen bildeten sich ewig lange Schlangen. Teilweise mussten die Anstehenden bis zu eine Stunde warten, um auf ein völlig überfülltes Mobil-Klo gehen zu können. Die Veranstalter mussten 250 Chemieklos nachbestellen – „aus ganz Deutschland“ – und entschuldigten sich für die Unannehmlichkeiten. Eine Online-Petition mit der Forderung nach einer „Rückerstattung eines erheblichen Teils der Ticketpreise“ hatte am Sonntagnachmittag mehr als 200 Unterzeichner.  dpa

Quelle: wa.de

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