Abschluss mit Metallica

Rock am Ring zum Finale mit emotionalem Mega-Chor

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Metallica-Bassist Robert Trujillo am Sonntagabend bei Rock am Ring.

NÜRBURGRING/EIFEL - Der Chor ist stark: „Wir sind der Ring, wir sind der Ring“ ertönt es aus tausenden Kehlen. Es ist Mantra, Parole und Versprechen zugleich. Rock am Ring – das sind weit über zwei Millionen Zuschauer in 29 Jahren Musikgeschichte.

Von Sabine Fischer

Zusammen mit der seit 20 Jahren etablierten Veranstaltung Rock im Park macht das mehr als drei Millionen Musikfans, die in dieser Zeit insgesamt 1800 Bands zuhörten. Viele von ihnen sind mit dem Ring groß geworden. Der Ring, das ist ein Netzwerk, eine Community, in der die Fans seit einigen Jahren maßgeblich mitbestimmen, wie sich Deutschlands größtes Doppelfestival gestaltet. Und Rock am Ring sind vor allem auch die Künstler: „Alle Liebe, Rock am Ring, eine Familie“, rief etwa Rapper Materia, der letzte Act des viertägigen Festival-Marathons, der am Sonntag in der Eifel zuende ging.

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Dabei erhielt er überraschend Unterstützung vom Toten-Hosen-Frontmann Campino, der selbst nicht am Ring auftrat, aber wie viele andere Künstler zur Abschiedsparty angereist war: „Wo die Familie Lieberberg ist, ist Rock am Ring; und wo Rock am Ring ist, da sind die Toten Hosen“, rief Campino und unterstützte Materia in der Aufforderung, alle Beteiligten sollten ihr „letztes Hemd für den Ring spenden“. Mit nackten Oberkörpern hüpften die Massen und feierten in Endlosschleife die „letzten 20 Sekunden am Ring“.

Die neuen Herren am Nürburgring sind Capricorn. Der Automobilzulieferer kaufte die insolvente Rennstrecke samt Eifeldorf für rund 77 Millionen Euro und kündigte an, mehr als 25 Millionen Euro investieren zu wollen, um die Anlage wieder rentabel zu machen. Für Marek Lieberberg und sein Rock am Ring blieb kein Verhandlungsspielraum: Capricorn diktierte Konditionen, die dem Unternehmen Lieberberg inakzeptabel schien.

Rock am Ring 2014 - letztes Mal am Nürburgring

Vor einigen Tagen fiel die Entscheidung: Marek Lieberberg nimmt die Marke „Rock am Ring“ mit – und will sie an anderer Stelle (heißer Favorit ist aktuell ein ehemaliger Kasernenstützpunkt bei Mönchengladbach) fortführen. Capricorn suchten sich Kooperationspartner und wollen nun am gleichen Wochenende wie Lieberberg (5. bis 7. Juni 2015) das Grüne-Hölle-Festival am Ring an den Start bringen.

Die „Familie“ hält zu Lieberberg: Unzählige Künstler, darunter Metallica und Rea Garvey äußerten sich enttäuscht über die Aufgabe des Standortes, bekundeten aber ihre Loyalität zur Familie Lieberberg. Marek Lieberberg selbst, der sich mit einem Bad in der Menge verabschiedete, betonte, dass Rock am Ring sehr viel mehr sei als nur ein Festival. Es sei eine Philosophie, die standortunabhängig existieren könne. Wehmütig sei er, aber weder zornig und erst recht nicht bange, erklärte Lieberberg. Vor einigen Jahren sei Rock im Park bereits erfolgreich von München nach Nürnberg umgezogen. Und das werde auch mit Rock am Ring gelingen.

Abschied für Metallica "sad but true"

Viele Konzerte erreichten in ihrer Letztmaligkeit eine ungewohnte Intensität. Sechs Mal in 15 Jahren waren etwa Metallica am Ring zu Gast – doch so gut aufgelegt und Fan-nah wie in der Nacht von Sonntag auf Montag hat man sie selten gesehen. James Hetfield hieß Fans auf der Bühne willkommen und Ansagen übernehmen, unterhielt sich mit dem Publikum und kommentierte den Ring-Umzug mit „Sad, but true“. Es regnete Metallica-Pleks, Basser Robert Trujilo gab im wahrsten Wortsinn Gas und imitierte Motorradgebrumm, und den Abschluss-Song bestimmte das Publikum per SMS: Die Wahl fiel auf „Justice for all“, bei dessen Bekanntgabe Drummer Lars Ulrich einen Schwächeanfall markierte.

Irokesenschnitte, die sich wie Scherenschnitte gegen das Licht der sinkenden Sonne abheben, sind wohl eines der stärksten Motive, die als Erinnerung an den Ring auf Handys und Kameras landeten: Die Bürstenschnitte gehörten den Jungs von Avenged Sevenfold, die eines der furiosesten Konzerte des Wochenendes absolvierten. Die Fans drängten sich bis zum Horizont und Frontmann Matthew Shadows hatte sie von der ersten Sekunde bis zur letzten Reihe im Griff. Es war ein weiterer Gig, den die Band ihrem Ende 2009 an einem Medikamentencocktail gestorbenen Schlagzeuger The Rev (James Owen Sullivan) widmete. Seine maßgebliche Mitarbeit an dem Meilenstein-Album „Nightmare“ würdigte die Band mit einigen Stücken der Platte.

Rock am Ring 2014 - letztes Mal am Nürburgring

Selbst Pete Doherty bereitete dem Ring ein würdiges Ende: Er kam pünktlich und wirkte fast aufgeräumt, wenngleich er seinen Fans nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit oder Achtung zuteil werden ließ. Getreu dem Motto „Manche Dinge schätzt man erst, wenn sie zuende gehen“, legten sich alle Bands im Rahmen ihrer Möglichkeiten mächtig ins Zeug: Slayer, Kings of Leon, Mando Diao, Iron Maiden, The Offspring, Pennywise, Alter Bridge, Gogol Bordello und viele mehr bescherten dem Ring ein tolles Finale mit viel Feuerwerk und Pyroshows. 

Beim finalen Akt blieb sogar das sprichwörtliche Ringwetter aus, das seit mehr als 20 Jahren stets und datumsunabhängig mindestens einen Sturzregen garantierte. Eine Dreiviertelstunde nachdem der letzte Akkord verklungen war, fielen einige wenige Tropfen. Möglich, dass die Regenwolken bereits Kurs auf Mönchengladbach nehmen. Dort stehen am Dienstag wichtige Verhandlungen über die Zukunft von Rock am Ring bevor.

Fan-Trends bei Rock am Ring 2014:

Jedes Festival setzt neue Trends und verwirft andere. Die Hände zum Himmel war gestern: Schwimmnudeln stehen aktuell hoch im Kurs – das Ende wird mit Gaffa-Tape fixiert, so dass ein (Hammer-)Kopf entsteht. Dem wird eine lange Matte verpasst. Wer es detailreicher mag, schenkt dem Schaumstoff-Kamerad auch ein Gesicht und kann losschwenken. Der Takt-Wubbel tanzt stellvertretend über den Köpfen und dient Gruppen auch als Wiederfindungshilfe im Gewühl. Free Hugs werden nur noch selten per Schild offeriert.

Vorbei die Zeiten, da man aus heiterem Himmel geherzt und geknuddelt wurde. Am Ring war diesmal T-Shirt-Weitwurf und – ganz im Zeichen der WM – Trikot-Tausch angesagt.

Zugenommen hat hingegen die Zahl der Sinnfrei-Botschaften: „Schild“ steht auf dem einen, „Kein Schild“ auf dem anderen Transparent. Und der Ehrgeiz, ins Visier der Filmkameras zu geraten hat im Laufe der Jahre deutlich zugenommen. Wo sich diese Möglichkeit bietet, ist das Geschehen auf der Bühne schnell Nebensache. „Ich will ins Fernsehen“-Schilder halfen Kamerateams bei der Suche nach willigen Freaks.

Quelle: wa.de

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