Gelungener "Rock im Pott"

Rockmusik zur Stadionwurst: Peppers & Co. auf Schalke

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Anthony Kiedis, Sänger der Red Hot Chili Peppers

GELSENKIRCHEN - Fußballstadien und Sommerfestivals haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun. Am Samstag trafen beide in Gelsenkirchen aufeinander. Auf Schalke servierten Rockgrößen harte Klänge zum Stadionpils. Und das Ruhrgebiet feierte sich selbst.

Von Tim Griese

"Wir haben noch nie vor so vielen Leuten gespielt", gesteht Kraftklub-Rapper Felix Brummer zu Beginn der Rock-im-Pott-Premiere, einem neuen eintägigen Festival in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Halle, in der sich am Ende rund 41.000 Zuhörer einfinden werden, noch lange nicht voll besetzt.

Ein wenig verloren wirkt die Chemnitzer Rock-Formation, der im vergangenen Jahr der große Durchbruch gelang, schon auf der großen Bühne. Unbeeindruckt legen sie aber eine knackige Show hin. Ein guter Start in einen langen Musik-Samstag. Behilflich ist den Fünfen dabei auch der Ohrwurm-Charakter ihrer wenn auch wenig facettenreichen Songs. "Scheiß in die Disco", "Songs für Liam" und "Ich will nicht nach Berlin" laden zum Mitgrölen und rhythmischen Klatschen ein - eine große Vorgabe für The BossHoss, die im Anschluss spielen.

Diese kommen zwar aus der Berlin, ziehen ihre Western-Show aber knallhart durch und sprechen deshalb ausschließlich Englisch mit den Fans. Das hört sich allerdings weniger nach Tennessee als nach Prenzlauer Berg an. Auf die Dauer ist das unfreiwillig komisch. Eine tatsächlich witzige Idee sind dagegen die Verkleidungen von Saxofonspielern und Trompetern mit Sombreros und traditionellen Outfits und am Ende mit Wrestler-Masken.

Trotz dieser optischen Schmankerl haben es die sieben Hauptstädter um die beiden Frontmänner Alec Völkel alias Boss Burns und Sascha "Hoss Power" Vollmer sowie ihre Begleitmusiker von The Tijuana Wonderbrass schwer, gegen die Newcomer von Kraftklub zu bestehen. Da können letztere einfach mehr Energie und Spielfreude aufbieten.

Ein scheinbar unerschöpfliches Maß an Spritzigkeit und Kraft bringen Jan Delay und seine Jungs von Disko No. 1 auf die Schalker Bühne. Das fliederfarbene Hemd des Sängers ist nur Minuten nach den ersten Tönen einer beeindruckend mitreißenden Show nassgeschwitzt. Der Hamburger braucht Bewegung. Stillstehen ist nicht drin. Auch nicht, wenn es mal langsamer wird. "Man kann nicht immer nur raven, man muss auch mal kuscheln", kündigt er "Für immer und dich" an.

Bilder vom Festival:

Rock im Pott auf Schalke 2012

Alleine er hält sich nicht daran. Wie ein Hampelmann hüpft er sich durch ein einstündiges Set. Delays Arbeitsweise, immer wieder Samples und häufig umgetextete Auszüge aus bekannten Charthits in seine Songs einzubauen, kommt beim Publikum an. Das beginnt bei den Backstreet Boys, geht über Cee Lo Green bis hin zu Technotronics 80er-Jahre-Hit "Pump Up the Jam". Natürlich darf im souligen Patchwork-Sammelsurium sein großer Hit "Oh Johnny" nicht fehlen, ebenso wie das mitreißende "Klar".

Eine musikalische 180-Grad-Kehrtwende vollführen im Anschluss Placebo. Die britischen Alternative-Rocker haben ein Best-Of-Set in die Arena mitgebracht und spielen sich durch das zumeist düstere und melancholische Material ihrer sechs Studioalben. Neben Hits wie "Battle for the Sun" und "Every You Every Me" gibt es als Vorgeschmack aufs für 2013 angekündigte nächste Album mit "B3" eine kleine Kostprobe. Die passt sich ebenso stilsicher ins Programm des Londoner Trios wie das Kate-Bush-Cover "Running Up that Hill", das Brian Molko und seine zwei Kollegen im Placebo-typischen Stil assimilieren.

Die Red Hot Chili Peppers sind Headliner der ersten Rock-im-Pott-Veranstaltung und lassen mit einem nahezu ausschließlich aus Hits zusammengesetzten Set keinen Zweifel an ihrer Stellung aufkommen: "Give It Away", "Under the Bridge", "Californication" - die Fans können sich nicht beschweren. Sänger Anthony Kiedis tänzelt Pirouetten drehend über die Bühne, und auch Bassist Flea hüpft und tankt in unnachahmlicher Manier umher. Zur Zugabe kommt der 49-jährige gar im Handstand zurück.

Einzig Gitarrist Josh Klinghoffer muss sich zurückhalten: Es hat einen gebrochenen Fuß und muss sitzen. Er wie auch die anderen haben zwischendurch in Soli Gelegenheit zu zeigen, welch gute Instrumentalisten sie sind. Da stehen Münder offen. Ein gutes Zeichen. Rock im Pott darf gerne weitergehen. Experiment gelungen.

Quelle: wa.de

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