Robert Lepage bei der Ruhrtriennale: „Spades“

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Zwei Soldaten in der Bar: Szene aus „Playing Cards 1: Spades“ von Robert Lepage. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN _Der Pastor ist ein Elvis-Imitator und lässt das Hochzeitspaar nachsprechen: „I will always love you tender.“ Alles falsch hier in Las Vegas, wie die Eheformel und die Gefühle, die Marie-Eve und Jeff auf die Kirchenbank geführt haben.

Das Paar gehört zu dem Figurentableau, das der kanadische Theatermacher Robert Lepage in seinem Stück „Playing Cards 1: Spades“ in Dutzenden Szenen mischt wie an einem Spieltisch. Die Ruhrtriennale zeigt seine Episoden, die sich nach und nach miteinander verweben, im Salzlager der Essener Zeche Zollverein. Auf vier Teile hat Lepage den Spielkarten-Zyklus angelegt, nach den vier Farben. Es beginnt mit Pik (Spades), das als Schwert und Kriegssymbol gedeutet werden kann.

Lepage war im Frühjahr 2003 in Las Vegas, als Céline Dion ihre Show-Premiere hatte und Präsident George W. Bush die „Koalition der Willigen“ in den Irak einmarschieren ließ. Er hörte auch von einem Ausbildungscamp ein paar Kilometer weiter, wo es – wie das Pseudo-Venedig in Las Vegas – ein irakisches Dorf gab. Hier trainierten Soldaten, Zivilisten zu filzen und zu erschrecken. Aus diesen Gegebenheiten entwickelte Lepage zusammen mit seinen sechs Schauspielern „Spades“.

Er lässt auf einer Rundbühne spielen, mit deren Falltüren, Drehkranz und Hebepodesten die Szenen wechseln, als würden sie überblendet. Bunker, Wüste, Swimmingpool, Spielhalle, Lift und immer wieder Hotelzimmer werden so gebildet (Bühne: Jean Hasel). Das Publikum sitzt drumherum wie am Roulette-Tisch und kann jede Veränderung einsehen. Doch die gut geölte Bühnenmaschinerie legt nichts auf als grelle Klischees über Sucht, Gewalt und Sex. Die Figuren und Geschichten in dieser Spielhölle sind abgenutzt und stereotyp wie Bildkarten-Motive.

Das mexikanische Zimmermädchen etwa, das mit abergläubischer Frömmigkeit sein Dasein erduldet und so vehement den US-Präsidenten verteidigt, ist eine Illegale und kann deshalb nicht zum Arzt gehen. An der Bar streiken die Kreditkarten des Geschäftsmannes, dessen Handy ständig klingelt: Er war spielsüchtig, ist pleite, wird von Gläubigern gejagt und wieder rückfällig. Marie-Eve ist endlich schwanger und hat deshalb Jeff geheiratet – doch das längst lieblose Paar lässt sich bereitwillig von diesem charmanten Typen (mit Cowboyhut) verführen. Mit ein bisschen Koks schwelgt der verklemmte Physiker in Allmachtsfantasien und verzockt viel Geld, während sie zum ersten Mal richtig guten Sex hat. Im Army-Camp demütigt ein Offizier seine Soldaten. Später wird dieser heiser gebrüllte Schwulenhasser sich an einem Untergebenen vergreifen. Der wiederum verzweifelt an seiner Kreuzritter-Mission und lässt sich im Hotel von einer Prostituierten erschießen. Pik steht auch für Spaten, und so gibt es einen Schamanen, der in der Wüste manches Grab schaufelt. Unterdessen geht die Show natürlich weiter, breiten zwei Tänzerinnen Federfächer und Dekolletees aus.

„Spades“ hat Züge des Kasperle-Theaters, wo die Figuren ebenfalls aus der Versenkung auftauchen und eine Handlung bloß abbilden. Das machen Sylvio Arriola, Nuria Garcia, Tony Guilfoyle, Martin Haberstroh, Sophie Martin und Roberti Mori in ihren vielen Rollen mit enormer Wandlungsfähigkeit. Doch manchmal wird geschlunzt: Viele Sätze (gesprochen wird englisch, französisch, spanisch und dänisch) gibt es nur in den Übertiteln, nicht auf der Bühne.

Quelle: wa.de

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