Robert Lane Fox über antike Literatur: „Reisende Helden“ bei Klett-Cotta erschienen

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Robert Lane Fox ▪

Von Jörn Funke ▪ Chios ist eine griechische Insel in der nördlichen Ägäis. Sie liegt einige Kilometer vor der türkischen Küste, die 50 000 Bewohner leben hauptsächlich vom Wein- und Olivenanbau. Und: Chios soll die Wiege der Weltliteratur sein. Dort, das sagt der britische Historiker Robin Lane Fox, lebte im 8. vorchristlichen Jahrhundert der Dichter Homer, dem die Menschheit die „Ilias“ und die „Odyssee“ verdankt. „Reisende Helden“ heißt die Studie, in der der Oxford-Professor die Entstehung der griechischen Antike neu darstellt.

Die „reisenden Helden“ sind die Bewohner der Insel Euboä, die nah am attischen Festland liegt und in den „dunklen Jahrhunderten“ der griechischen Geschichte weitreichende Handelsbeziehungen hatte. Händler und Abenteurer aus Euböa besiedelten nicht nur Chios, es zog sie auch nach Kreta, in die Levante und nach Sizilien, so die These des Historikers. Zum Beleg steuert er eine detaillierte archäologische und linguistische Indizienkette bei.

Lane Fox zieht dabei gegen eine gängige Forschungsmeinung zu Felde, die die Entstehung der griechischem Mythenwelt und der Homerischen Werke vorderasiatischen Einflüssen zuschreibt. Assyrer und Phönizier ständen aber keineswegs hinter den Meisterwerken, sagt Lane Fox, und tritt damit explizit Raoul Schrotts „Homers Heimat“ (2008) entgegen, einem „populärwissenschaftlichen Bestseller“.

Zu verdanken hätten die Griechen dem Orient „lediglich“ das Alphabet, lautet Lane Fox‘ süffisant ausgebreitete These. „Ilias“ und „Odyssee“ seien mündlich übertragene Werke gewesen, die durch ihre Niederschrift für die Nachwelt erhalten geblieben seien. Der gesamte Hintergrund Homers und des kaum weniger bedeutenden Dichters Hesiod erschließe sich aus dem Erfahrungsspektrum griechischer Seefahrer des 8. Jahrhunderts – die eben aus Euböa kamen.

Lane Fox‘ Argumentation wirkt zwar gelegentlich etwas spekulativ; aber seinen Grundgedanken erklärt er schlüssig. Dabei gelingt ihm die Reise durch den gesamten Mittelmeerraum auch sprachlich. Das Talent dazu hatte er bereits mit seiner vor zwei Jahren unter dem Titel „Die klassische Welt“ auf Deutsch erschienenen „Weltgeschichte von Homer bis Hadrian“ bewiesen. In die „dunkle“ Entstehungszeit der antiken Welt bringt er mit seinem neuen Werk etwas mehr Licht.

Robin Lane Fox: Reisende Helden. Die Anfänge der griechischen Kultur im Homerischen Zeitalter. Verlag Klett-Cotta: Stuttgart 2011. 551 Seiten. 29,95 Euro.

Quelle: wa.de

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