Robert Ciulli inszeniert „Rückkehr in die Wüste“ bei den Ruhrfestspielen

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Bedrängter Bürger: Szene aus „Rückkehr in die Wüste“ mit Steffen Reuber und Jubril Sulaimon.

Von Edda Breski RECKLINGHAUSEN - Es fängt an, als hätte Roberto Ciulli George und Martha aus „Wer hat Angst aus Virginia Woolf“ eine Dosis Klamauk verordnet. Sie beschimpfen sich mit Lust, und wenn sie in den Clinch gehen, dem sie sich hingeben wie einer Umarmung, mag man nicht denken, dass sie Geschwister sind.

Adrien und Mathilde Serpenoise sind Übriggebliebene einer Familie aus der französischen Provinz. Der französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès fasste in ihre Familiengeschichte die Beschreibung von Menschen, die noch immer im Schatten der deutschen Besatzung leben, und eines Staats, der langsam aufhört, Kolonialmacht zu sein. Es ist 1960. Algerien kämpft um seine Unabhängigkeit. Die französische Rechte erlebt ihren ersten Aufstieg nach dem Krieg.

„Rückkehr in die Wüste“ ist ein vieldeutiger Titel. Die Inszenierung des Theaters an der Ruhr Mülheim, als Coproduktion mit den Ruhrfestspielen zuerst in Recklinghausen gespielt, wird Koltès’ Vielschichtigkeit nicht gerecht. Auf die unterhaltsam zwischen Boulevard und Drama inszenierten Duelle folgt nicht mehr als ein Antippen der großen Themen. Algerienkrieg, Araberhass, Bomben von beiden Seiten, ein ungern berührtes Kapitel französischer Geschichte. Das Nachschwingen der Politik im Privaten fasst Ciulli in symbolische, manchmal blutleere Bilder. An Gralf-Edzard Habbens sandbedeckter Bühne ist zwar zu sehen, dass hier nichts Fruchtbares mehr wächst. Aber darüber hinaus gewinnt das Stück nur in den Geschwister-Duellen etwas hinzu und wird zur bitter schneidenden Farce. Regisseur Ciulli wollte wohl kein politisches Lehrstück machen. Ab und zu ruft ein Muezzin, dann gucken Adrien und seine Spießgesellen angeekelt. Das war’s aber auch.

Bruder Adrien – Steffen Reuber tränkt seine Selbstgefälligkeit mit Clownerie – hat seinen eigenen Sohn Mathieu (Albert Bork) gegängelt, bis von ihm nichts als ein pedantischer unreifer Idiot übriggeblieben ist. In einer Szene, in der das Lachen dem Zuschauer zurück in die Kehle fährt, spielt Adrien auf Mathieus Rücken Hoppereiter, dann drückt er Mathieus Kopf in eine Wasserschale. Waterboarding am eigenen Sohn als Metapher für provinzielle Enge – hier bekommt die Inszenierung eine Wucht, die man sonst oft vermisst.

Mathildes (Petra von der Beek) Kinder sind ebenfalls sozial und, im Fall der Tochter, wohl auch geistig zurückgeblieben. Daran ließe sich ebenfalls ein bitterer Kommentar von Koltès über den degenerierten Zustand der französischen Provinz dokumentieren. Stattdessen sieht man nur haltlose Gestalten, die an einer Reihe von Handlungsfäden zappeln.

Rassistische Missfarben schleichen sich ein. An den Figuren Aziz, dem arabischen Hausangestellten (Oliver S. El-Fayoumy), und einem vom Himmel gefallenen schwarzen Fallschirmjäger will Ciulli Ressentiments bloßstellen. Aber diese Vorurteile sind, auch auf der Bühne, so oft gespiegelt, demaskiert, ins Gegenteil verkehrt worden: Auch Ciulli findet kein wirksames Gegengift.

Schön inszeniert ist die Beschwörung von Adriens erster Frau Marie durch Mathildes verrückte Tochter Fatima. Die personifizierte Familiengeschichte als versnobte, malerisch rauchende Wiedergängerin – das hat was.

Mehr hätte man auch aus der Figur des Edouard (Marco Leibnitz) machen können, ein Typ irgendwo zwischen Hippie und Gangster. Er ist das Kind, das Mathilde 1945 von einem Unbekannten bekam. Als Deutschenhure wurde ihr der Kopf geschoren. Ihre Angreifer von damals sind heute Honoratioren, Freunde ihres Bruders. Wer war wirklich der Vater? Es könnte vielleicht Inzest gewesen sein. Auch das bleibt vage. Die Inszenierung ist eine verpasste Chance auf bewegendes Theater.

Ab 19.9. Theater an der Ruhr, Mülheim,

Tel. 0208/599 01 88,

www.theater-an-der-ruhr.de

Quelle: wa.de

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