R.M. Douglas über die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg

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Sudetendeutsche Einwohner 1946 am Bahnhof von Rychnov (Reichenau) – die meisten Vertriebenen waren Frauen, Kinder und alte Menschen. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Kaum ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte weckt solch heftige Reflexe, auch nach zwei Generationen noch. Fakten und Zahlen sind umstritten, politische Deutungen sowieso. R.M. Douglas ordnet die Gemengelage in einer eindrucksvolle Studie über „Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg“. Schwerpunkte sind Polen und das heutige Tschechien.

Deutsche Historiker bevorzugen oft ruhigere Pfade: Seit Ende der 1980er wurde die Integration der Vertriebenen in zahllosen lokalen Studien als Wirtschaftswunder verbucht. R.M. Douglas geht jetzt mit dem Band „Ordnungsgemäße Überführung“ dahin, wo es schmerzt.

Hier sind selbst die Quellen heikel. Zum Beispiel jene Erlebnisberichte von Vertriebenen, die ab 1953 im Auftrag der Bundesregierung unter anderem von Martin Broszat und Hans Ulrich Wehler ediert wurden. Die Bände boten auch solchen Autoren Stoff, die NS-Verbrechen mit dem Unrecht an Deutschen aufrechnen wollten. Douglas verwendet darum keine deutschen Quellen – es sei denn, sie werden von Überlieferungen humanitärer Organisationen wie dem Roten Kreuz, der Alliierten oder der „Vertreiberstaaten“ bestätigt. Gräulich sind solche raren Zitate, etwa die Schilderung eines Arztes, der im Dezember 1946 im Zug von Breslau gen Westen einer Schwangeren helfen will und feststellt, dass sie „an ihrem eigenen Blut am Boden festgefroren“ ist.

Vor allem liefert Douglas aber eine penible Analyse der alliierten Politik, die im August 1945 in der Verabredung einer „Ordnungsgemäßen Überführung“ der Deutschen in das geschrumpfte Staatsgebiet mündete. Dies scheiterte – nicht nur, weil Vertreibungen nie „geordnet und human“ ablaufen, wie Douglas betont. Der Beschluss von Potsdam war eine ohnmächtige Geste gegen „eine Lawine, die bereits losgetreten war“, die sogenannten „wilden“ Vertreibungen. Ausgehungerte, kranke und mittellose Menschen – meist Frauen, Kinder, Kranke, Greise – strandeten in den Besatzungszonen. Insgesamt kamen 11,6 Millionen, bis zu zwei Millionen starben unterwegs.

Douglas rekonstruiert Etappen und Schauplätze der Vertreibung, beschreibt die Internierungs- und Sammellager, das Leid der Insassen, das Versagen der Alliierten – und schließt dabei mit kühlem Ernst jeden Vergleich mit dem Vernichtungsdrang der NS-Politik aus.

Umsiedlungen waren eine Kehrseite der Idee eines ethnisch homogenen Staates, die sich im 19. Jahrhundert durchgesetzt hatte. Dazu gehörte, dass „eigene“ Minderheiten „heimgeholt“ und „fremde“ ausgetrieben wurden. Die Desaster einer solchen Politik in Elsass-Lothringen oder zwischen Türken und Griechen sorgten nach dem Ersten Weltkrieg nicht dafür, dass Bevölkerungsverschiebungen aus dem politischen Kalkül verschwanden. Douglas verweist auch auf Hitlers Umsiedlungen 1939/41, die rund 500 000 „Volksdeutsche“ betrafen, und den monströsen „Generalplan Ost“, der die Ermordung und Vertreibung von 50 Millionen Menschen zur Voraussetzung für „germanische“ Siedler machte.

Doch nicht Rache für NS-Verbrechen sieht Douglas als Motiv der Vertreibungen nach 1945. Zwar nennt er auch Beispiele spontanen Volkszorns. Doch vor allem identifiziert er staatlich veranlasstes und gefördertes Unrecht, meist begangen vom Soldaten, Polizisten oder Milizen. Douglas schildert dies am Beispiel der „Sudetendeutschen“.

Ihre Situation war seit der tschechischen Staatsgründung 1918 nie frei von Diskriminierung. Die meisten begrüßten 1938 den „Anschluss“ ans „Dritte Reich“. Ihre Vertreibung hatte laut Douglas jedoch eine andere Vorgeschichte: Edvard Benes, Präsident der Vor- wie der Nachkriegsjahre, hatte eine Reinigung des Staatsgebiets seit Jahren propagiert und seit 1938 in die Wege geleitet, indem er sich die Unterstützung Stalins und Churchills sicherte. Wie seine Londoner Exilregierung, so misstrauten auch die Polen den alliierten Zusagen, die deutschen Minderheiten zu entfernen. Sie wollten Fakten schaffen. Dies, so Douglas, stand hinter den „wilden“ Vertreibungen.

Das Buch

Ein emotionales Geschichtsthema wird nüchtern analysiert. Die Motive für Vertreibung werden aufgeschlüsselt. Endlich.

R.M. Douglas: „Ordnungsgemäße Überführung“: Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg“. C.H.Beck Verlag, München, 560 S., 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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