Rirkrit Tiravanija kocht in der Bielefelder Kunsthalle

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Der Künstler Rirkrit Tiravanija kocht Reis und stellt in der Bielefelder Kunsthalle aus ▪

Von Achim Lettmann ▪ BIELEFELD–Auf den Ausstellungen von Rirkrit Tiravanija wird gekocht. Wer den thailändischen Künstler in seine Galerie, seinen Kunstverein oder sein Museum einlädt, muss keine Ölgemälde an die Wände bringen. Öl könnte in ganz anderer Form Verwendung finden.

Seit 20 Jahren demonstriert Tiravanija in der ganzen (Kunst)Welt, dass Essen und Trinken die Basis aller Kultur sind. In der Bielefelder Kunsthalle sind Installationen, Filmprojektionen, Fotografien, Collagen, Filmset-Nachbauten, Videokunst, Readymades und Materialbilder zu sehen. Alle Arbeiten sind durch ihre subversiven Methoden verbunden. Kernfrage (oder Grundrezept): Wie werden kunstästhetische Prozesse wieder aufs eigentliche Leben zurückgeführt?

Tiravanija stellt im Museum die Frage, was ist Kunst und was nicht? Wenn man hier nicht die Antwort erhält, wo sonst? Wer durstig ist, kann erstmal auf einem weißen Hocker Platz nehmen und Wasser aus einem Behälter zapfen. Eine Fotofolie zeigt, dass Marcel Duchamps erstes Readymade eben auf so einem weißen Hocker postiert war, ein Fahrrad-Rad von 1913. Und wer viel Wasser trinkt, der wird an ein weitere Readymade erinnert. Sein Pissoir (1917) drehte der französische Künstler und befestigte es auf einem Sockel, so dass die Kunstwelt aufschrie. Seine Gegenstände wurden dennoch Kunst, und zur Moderne gehört es, die Tabus in viele Richtungen auszureizen. Tiravanija, das ist das Besondere, macht da nicht mit. Er ist weder provokant noch rabiat, er will keine neuen Grenzen ziehen.

Zu Beginn seiner Schau in Bielefeld heißt es: „Lächele nur und rede nicht“. Wer nun das Zutrauen gewinnt, diese vielleicht buddhistische Botschaft zuzulassen, wird das Museum verwandelt erleben und ein bisschen verwandelt wieder verlassen. Tiravanijas Kunstwerke sind wie eine Einladung zum Essen, zu verstehen: Komm‘ setze Dich, ich koche.

Diese imaginäre Stimmung umfängt einen nicht sofort. Vor der zentralen Arbeit „Spaghettiwestern“ (2001) wird ein Materialgefühl geschärft, das neben der Menge auch bemerkt, wie wenige Dinge wichtig sind, um zu kochen. Sieben Gasflaschen (orange), sieben Kochtöpfe (alu-farben), Schneidbretter, Gabeln und 800 Schalen stehen auf Stahlplatten. Eine Reduktion und ein erhabener Moment, denn hier wurde zur Eröffnung gekocht und gegessen. Im Museum. So berührt Tiravanija auch die Ängste in der Gesellschaft, dass Essensreste und Geruch den Kunsttempel verdrecken und beschädigen können.

Die Befürchtung, der Kunsthalle wird etwas passieren, lässt aber beim Rundgang nach. In der Installation „Flädlesuppe“ (1993) läuft der Film „Drachenfutter“ (1987) von Jan Schütte. Zwei Ausländer machen in Hamburg ein Restaurant auf, um zu überleben. Für den Erfolg rät eine Frau, dass sie Flädlesuppe machen müssen, dann habe man in Deutschland ausreichend Kunden. Und so kochte Rirkit Tiravanija Flädlesuppe im Hamburger Kunstverein 1993 – mit Chili. Pfannkuchenmehl, Instantbrühe, Einzelkochplatten, Töpfe, Löffel, Schürzen und Pfannen stehen nun in einem Raum der Kunsthalle und sorgen für Authentizität. Jetzt wird die Nähe spürbar, die die Ausländer mit ihren gekochten Speisen im Film (wie im Leben) versuchen, wenn sie im fremden Deutschland existieren wollen. Hier entwickelt sich ein Kulturaustausch, ein Verständnis.

Auf der nächsten Station ist der Film „Angst essen Seele auf“ (1974) von Rainer Werner Fassbinder zu sehen. Wie ein „Gastarbeiter“ aus Tunesien im Deutschland der 70er Jahre scheitert. Brigitte Mira kümmert sich um ihn. Auch Barbara Valentin. Und in der Kunsthalle ist die schäbige Bar aufgebaut, an der im Film Cola und Bier ausgeschenkt wird. Ein Bretterverschlag.

Wer in Bielefeld in den Kühlschrank fasst, kann Bier und Cola trinken und beim Blick auf den Bildschirm merken, wie schnell man „Gastarbeiter“ wird, wenn man ähnliche Handlungen vollführt. Der Flaschenöffner hängt übrigens gleich am Kühlschrank.

Solche subversiven Methoden inszeniert Tiravanija noch an anderer Stelle. Und zweimal in der Woche kann man auch essen in der Kunsthalle, ein Stück Alltag genießen. Kultur.

Die Schau

Eine überraschende Möglichkeit, die Wirkung und Werte von Kunst/Kultur zu erkennen und zu genießen.

Rirkrit Tiravanija in der Bielefelder Kunsthalle. Bis 10. Oktober; di-so 11 bis 18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10 bis 18 Uhr; Kochbuch 28 Euro;

Tel. 0521 / 32999500

http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Gekocht wird mittwochs ab 19 Uhr, sonntags ab 12.30 Uhr.

Parallel zur Tiravanija-Schau werden auch die Neuerwerbungen des Hauses gezeigt.

Quelle: wa.de

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