"Richtig schimpfen lernen" mit den Sleaford Mods in Köln

Köln – Eine ironische Konstellation: am Abend das Konzert der englischen Electro-Punk-Band Sleaford Mods in der Kölner Live Music Hall und tags darauf die Hochzeit von Prinz Harry auf Windsor Castle. Nur Stunde liegen zwischen den beiden Ereignissen mit britischen Hauptdarstellern. Größer allerdings könnten die Unterschiede kaum sein.

Vom royalen Pomp und Luxus ist in Köln-Ehrenfeld keine Spur. Stattdessen herrscht Minimalismus bei den Sleaford Mods, dem Duo aus Nottingham. Die Bühne ist leer – bis auf zwei Getränkekisten, auf denen ein Laptop steht, dahinter Multi-Instrumentalist Andrew Fearn. Der macht nichts weiter, als das nächste Lied in der Playlist anzuklicken, dann rhythmisch mit dem Kopf zu nicken und an seinem Bier-Mix-Getränk zu schlürfen. Am Mikro steht Jason Williamson. Er rappt wütend. Er hat einiges zu sagen.

Die Sleaford Mods sind Feuilletons Liebling, und das, obwohl Williamson mit Beleidigungen um sich wirft und in schöner Regelmäßigkeit übers Mikrofon Furzgeräusche imitiert. Das Duo hat sich einen Ruf erarbeitet als kritischer und zynischer Beobachter des Englands von heute und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Williamson hat‘s nicht so mit dem Königshaus, noch weniger aber steht er die britische Politik aus, und er hat seine ganz eigene Meinung zum Brexit. Ihn ärgert das gesellschaftliche Leben in England, die Musikszene und die Künstler, die sie hervorbringt und groß macht. Ihn ärgert so ziemlich alles. Die Wut und Abneigung packt Williamson mit seinem breiten East-Midlands-Dialekt in ellenlange Schimpfwort-Tiraden, Andrew Fearn unterlegt sie mit monotonen Beats. Da kommt keiner gut weg.

Konzert der Sleaford Mods in Köln

Jason Williamson ist ein Rüpel. Da können Noel und Liam Gallagher einpacken. Der 48-Jährige gibt sich angewidert, erbost, aggressiv. Er rotzt aus der Nase auf den Boden, macht kopulierende Bewegungen am Mikrofonständer und schimpft, steckt sich das Mikro in den Mund. Bei „Routine Dean“ mit seinem nervösen Beat röhrt und schreit Williamson als könnte er nicht mehr an sich halten. Weiter geht so beim rüpelhaften Rocker „Jolly Fucker“. „Ich passe besser auf, was ich sage“, rappt er darin. Ist schon lange, lange zu spät.

Alle Arbeiter sind Proleten? Hat Williamson in „Fizzy“ richtig gehört? Na, warte! „Ich arbeite wie ein Verrückter für zwei Bissen Ravioli und eine warme Flasche Smirnoff unter einem Manager, der keine verdammte Ahnung hat. Willst du, dass ich dir mal erzähle, was ich von dir denke?“ Klar, es ist eine rhetorische Frage, die da gestellt wird. Williamson legt los – und macht weiter in „Jobseeker“, in dem er seine Erfahrungen mit dem Arbeitsamt schildert. Und die sind nicht gut gewesen. Abwechslung von den harten und trockenen Rhythmen, die Fearn seinem portablen Computer entlockt, liefert „You‘re Brave“, das den Hörer in die 80er Jahre mitten in die Bronx schickt. Gut, der Akzent passt nicht, aber vom Beat her hat das was von Public Enemy - wenn auch nur kurz. Williamson bricht den Song ab. Text vergessen. Jemand, der sich über so viel ärgert, ärgert sich auch darüber.

Zur Belohnung wird Williamson am Schluss mit Bechern beworfen. So zeigen die Fans ihre ernstgemeinte Zuneigung. Der Rapper lacht. „Hey, you bastards!“ ruft er seinem Anhang entgegen, um ihm wenig später Honig ums Maul zu schmieren: „Köln, es war wie immer eine Freude, bei Euch zu sein!“ Bei allen Gegensätzen gibt es am Ende doch eine Gemeinsamkeit zwischen der royalen Hochzeit und dem Kölner Konzert: Sowohl Trauung als auch Gig dauern rund eine Stunde. Wobei: Harry und Meghan fahren in einer offenen Kutsche davon. Jason Williamson und Andrew Fearn stolpern von der spärlich beleuchteten Bühne in den Backstage-Bereich. Vielleicht wartet da immerhin eine warme Flasche Wodka.

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