Richard Strauss’ „Die schweigsame Frau“ am Essener Aalto-Theater

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Ab durch die Mitte: Morosus (Franz Hawlata) geht durch den Zuschauerraum ab und ist erleichtert: „Wie schön ist doch die Musik – aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!“

Von Elisabeth EllingEssen - Dass irgendwas nicht stimmt mit diesem ganzen Trubel, bemerkt die Haushälterin im zweiten Akt. Sie meint die drei Brautbewerberinnen für ihren Arbeitgeber, den griesgrämigen Sir Morosus. Unbehagen löst aber nicht erst diese Szene aus.

Mit Richard Strauss’ „Die Schweigsame Frau“ (1935) ist am Essener Aalto-Theater eine Komische Oper zu sehen, die mit Buffo-Personal und behäbigem Altherren-Humor vom ersten Moment an eigentümlich hohl und aus der Zeit gefallen wirkt. Regisseur Guy Joosten und Ausstatter Johannes Leiacker tun mit grellbunten Zutaten alles, um diesen Eindruck zu bestätigen. Sie rücken so auch die musikalische Qualität der Produktion ins Zwielicht: Die lyrischen Schwelgereien, denen sich die Essener Philharmoniker unter Martyn Brabbins so aufwühlend hingeben, finden im Bühnengeschehen keine Resonanz. Ein ziemlich flaches Stück wird mit üppigem Schmelzklang über Gebühr aufgebläht.

Im Mittelpunkt steht (nach der Renaissance-Komödie „Epicoene or The Silent Woman“, 1609 von Ben Johnson) Sir Morosus, ein ehemaliger Kapitän, der keinen Lärm erträgt, seine Haushälterin dennoch lauthals schuriegelt und sich von seinem Barbier überreden lässt, sich den Lebensabend mit einer schweigsamen Frau behaglich einzurichten. Diese Timida entpuppt sich als Furie, die ganze Ehe erweist sich als Bluff, und Morosus kann beinahe über sich selbst lachen.

Joosten und Leiacker stellen den Dreiakter in einer historisch informierten Lesart bloß, ohne aber (anders als einst Peter Konwitschny in seiner Essener „Daphne“) direkte Bezüge zur Uraufführung im NS-Staat kenntlich zu machen. Doch spiegelt ihr Morosus die jämmerliche Egozentrik Richard Strauss’ im „Dritten Reich“. Er wusste sich zu arrangieren, blendete Judenverfolgung und Krieg aus, warf sich gleichzeitig in Opferposen. Morosus’ großbürgerlicher Salon verschränkt Innen- und Außenwelt, Heizkörper und Brandungspanorama, ist mit Schatzkiste, Walgerippe und Kakteen eine Robinson-Insel mit großbürgerlichem Komfort.

Strauss hielt sich zugute, 1935 bei der Dresdner Uraufführung der „schweigsamen Frau“ durchgesetzt zu haben, dass der Name des Librettisten auf die Programmzettel gedruckt wurde: Stefan Zweig war Jude. Hitler und Goebbels kamen (angeblich deshalb) nicht zur Uraufführung. Vielleicht steckt ja ein solcher Zettel in der Flaschenpost, die sich alle Protagonisten im Laufe der drei Stunden durchlesen, um sie dann mit bedeutungsvoll hochgezogenen Augenbrauen in den Flaschenhals zurückzustecken.

Wenige Tage nach der Premiere fing die Gestapo einen Brief des Komponisten ab, in dem er sich über sein Amt als Reichsmusikkammer-Präsident mokierte. Die Oper wurde nach nur drei Aufführungen verboten. Was Strauss nicht hinderte, an die NS-Oberen ebenso geschmeidige Briefe zu richten wie an Zweig. Und weiter zu komponieren, um etwa mit einer Hymne für die Olympischen Spiele in Berlin 1936 zu Diensten zu sein. Vieles wird im Programmheft verdienstvoll dokumentiert, doch trägt die problematische Figur des Komponisten nicht das szenische Konzept.

Franz Hawlata singt den Morosus mit vielen Facetten: als brüllenden Tyrannen, als erschöpften Greis (beim „Dank“-Geraune am Ende des zweiten Aktes), mit einer Behutsamkeit gegenüber Timida, die ihn selbst überrascht. Julia Bauer begeistert als Aminta/Timida mit frappierenden Charakter-Koloraturen: Hier als keifende Extremzicke, dort mit scheu gehauchten Spitzentönen. Michael Smallwood als ihr Gatte Henry kann da nicht ganz mithalten.

Das Orchester entfaltet luxuriösen Wohlklang und zelebriert die grandios auseinanderstrebenden Ensembles, die Strauss in Mozart-Manier an das Ende der Akte setzte. Joostens Inszenierung gelingt es dabei, Strauss’ Opulenzen einen kalt klirrenden Oberton beizugeben. Was Morosus allerdings nicht meint mit seinem Schlusswort: „Wie schön ist doch die Musik – aber wie schon erst, wenn sie vorbei ist!“

17., 19., 22. März; 1., 4., 19., 22., 24., 30. April; Tel. 0201/

81 22200; www.oper-essen.de

Quelle: wa.de

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