Richard Mabeys Naturbuch „Das Varieté der Pflanzen“

Richard Mabey, Naturschriftsteller Foto: privat/Matthes & Seitz

Die Eimerorchidee in Mexiko lockt männliche Prachtbienen an, indem sie einen Duftstoff ausströmt, der normalerweise die paarungswilligen Insekten zusammenbringt. Dabei fallen einige Tiere in den namensgebenden Blüteneimer der Blume, aus dem sie nur durch einen schmalen Kanal entkommen. Dabei nehmen sie den Pollen auf, den sie bei der nächsten Orchidee abladen, die sie mit dem selben Trick einfängt.

Man möchte das als besondere Heimtücke der Orchidee interpretieren. Dabei ist das, was der britische Naturschriftsteller Richard Mabey in seinem wundervollen Buch „Das Varieté der Pflanzen“ beschreibt, einfach eine Folge gegenseitiger evolutionärer Anpassung. Der 1941 geborene Autor lässt den Leser immer wieder staunen über die Pflanzen, die bei weitem nicht so statisch und langweilig sind, wie man gemeinhin glaubt. Tatsächlich führen auch diese Lebewesen eine Existenz voller Aktivitäten. Mabey erzählt von Eiben, die wandern. Nicht auf Beinen natürlich. Aber wenn ihre ausladenden Äste den Boden berühren, schlagen sie Wurzeln. Auf diese Weise breitet sich der Baum nicht nur aus. Wenn seine älteren Teile absterben, hat er sich tatsächlich fortbewegt. Mabey weiß auch von Bäumen, die uralt werden. Ein Wald von Silberbaumgewächsen im Südwesten Tasmaniens geht auf eine einzige Pflanze zurück, die sich durch Ableger ausbreitete. Dieser gewaltige Organismus ist 340 600 Jahre alt, wie man mit Radiokarbonmessungen ermittelte.

Dass es fleischfressende Pflanzen gibt, weiß man inzwischen. Mabey beschreibt den raffinierten Mechanismus, mit dem die Venusfliegenfalle ihre Blätter um ihre Opfer zusammenklappen lässt und sie verdaut. Aber die Wissenschaft hat inzwischen noch mehr entdeckt: Der amerikanische Wüsten-Beifuß, aber auch europäische Eichen warnen ihre Nachbarn vor Angriffen durch Insekten, indem sie Duftstoffe aussenden. Die Pflanzen eines Waldes sind oft untereinander verbunden durch die Fäden der Bodenpilze, und in dieser speziellen Form des Wald-weiten-Webs tauschen sie Informationen und sogar Nährstoffe aus. Und Mimosen können, glaubt man einem Experiment der australischen Ökologin Monica Gagliano, sogar lernen. Wenn man sie in Blumentöpfe pflanzt und die Töpfe aus geringer Höhe fallen lässt, schließen sich zunächst die Blätter. Nach einiger Zeit aber reagierten einige Pflanzen nicht mehr. Sie hatten „gelernt“, dass diese Erschütterung harmlos ist. Und sie konnten sich das merken: Bei der Wiederholung des Tests eine Woche später reagierten sie immer noch nicht auf den Blumentopfsturz.

Schon die Fülle an biologischem Wissen macht dieses Buch so lesenswert, das wie alle Bände der Reihe „Naturkunden“ auch ausnehmend schön gestaltet und liebevoll bebildert ist. Hinzu kommt aber die überaus lebendige Schreibart und die Fülle an Perspektiven, die der Autor öffnet. Mabey betrachtet immer den Menschen mit. So zitiert er oft Dichter wie John Ruskin, William Wordsworth, John Keats. Er schaut stets auch auf die Beziehung zwischen den Pflanzen und dem Menschen, nicht nur bei Kulturpflanzen, wo das zu erwarten ist, wie Baumwolle und Mais. Er erzählt eben auch von der Farn-Verrücktheit der Briten im 19. Jahrhundert, die in gläsernen Gewächshäusern, den Wardschen Kästen, Farne zogen. Was zu einem florierenden Handel führte und zu einem Raubbau an bestimmten seltenen Farnarten in der Natur. Mabey erzählt von dem US-Geografen Donald Rusk Currey, der in den 1950er Jahren das genaue Alter einer Grannenkiefer ermitteln wollte, des ältesten Baumes der Welt. Weil aber sein Spezialbohrer im Baum stecken blieb, fällte er ihn kurzerhand. Und Mabey richtet auch den Blick auf Pflanzen, denen man Heilkräfte zuschrieb, wie den Ginseng.

Aber Mabey braucht keine Rekorde und keine Sensationen, um über Pflanzen staunen zu können. Wenn er beschreibt, wie der Haselstrauch vor Jahrtausenden den Burren im irischen County Clare besiedelte und prägte, als Reaktion auf das sich zurückziehende Eis, dann ist das Geschichtsschreibung, aber eben nicht aus menschlichem Blickwinkel. Mabey macht manche Entdeckungen bei Expeditionen vor der Haustür – zum Beispiel wenn er Wildorchideen im Market Weston Fenn aufspürt oder wenn er durch einen Stacheldrahtzaun klettert, um die genaue Verbreitung von Schlüsselblumen zu erkunden. Der Mann schreibt mit einer Liebe, die sich überträgt: „Und siehe da, ich traute meinen Augen kaum und konnte mein Glück nicht fassen! Zwischen knospenden Trieben von Waldmeister und Engelwurz blühten dort an diesem Südhang überall Schlüsselblumen.“

Richard Mabey: Das Varieté der Pflanzen. Deutsch von Christa Schuenke. Verlag Matthes & Seitz, Berlin. 344 S., 38 Euro

Quelle: wa.de

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