Riccardo Chailly mit Mahler im Konzerthaus Dortmund

Kontrolliertes Drama: Riccardo Chailly dirigiert das Orchester der Scala im Konzerthaus Dortmund. Foto: Rest

Dortmund – Es ist vielleicht eine Viertelstunde gespielt, kaum mehr, und es stellt sich die Frage: Was soll jetzt kommen? Im Kopfsatz von Mahlers sechster Sinfonie, genannt „die Tragische“, haben Riccardo Chailly und das Orchestra Filarmonica della Scala im Konzerthaus Dortmund Extreme aufgefächert, sie flirten und kollidieren lassen. Der Klang ist dicht und kompakt, samtig und dunkel. Die Tempi sind gemäßigt, die Musik hat eine gravitätische Beredsamkeit, aus der sich die Bläser wie ein Choral, die Streicher mit schwelgerischem Flirren aufschwingen. Die Extreme sind abgesteckt. Was folgt?

Chailly dirigiert Mahlers Sechste, die vor 113 Jahren in Essen uraufgeführt wurde, als auskomponierten Realitätsverlust. Auf die kontrollierte Explosion im Finale des Kopfsatzes folgt das Andante moderato, mit Vorsicht entwickelt. Die Themen entspinnen sich, aber es liegt Misstrauen darin. Der Klang materialisiert sich nach und nach, wird selbstbewusster, dann explosiv. Aber erst im Scherzo erklärt sich Chailly: Er zeichnet hier nicht Mahlers berüchtigtes Ringen mit sich und der Welt nach - die Sinfonie heißt „die Tragische“, weil der Komponist darin drei Unglücksfälle in seinem Leben vorweggenommen haben soll: den Verlust des Chefpostens an der Wiener Staatsoper, den Tod seiner vierjährigen Tochter und sein eigenes Herzleiden, an dem er sterben sollte. Soweit die musikwissenschaftliche Exegese des Riesenwerks, das unter anderem zwei Harfen, eine Celesta, im Schlagwerk eine Rute und einen Holzhammer und, in Dortmund, neun Hörner und neun Kontrabässe verlangt.

Nein, Chailly macht aus dieser überströmenden, von Klischees nicht freien (Kuhglocken!) Musik ein höchstpersönliches Irrewerden am Leben. Das ist nicht nur düster, sondern ebenso genießerisch und auskostend. Im Scherzo aber rückt die Realität aus dem Fokus. Der Satz ist ein kontrollierter Ritt auf der Messerklinge. Das Trio kommt mit gefälschter Artigkeit daher. Die Rhythmuswechsel holpern schmerzhaft. Die Hörner stoßen an die Parodiegrenze. Die Geigen führen einen Marsch an, beim col-legno-Spiel klappert das Bogenholz geisterhaft. Das alles rollt Chailly gelassen auf, quasi in aller Seelenruhe steuert er durch das Chaos.

Der Schlusssatz nimmt das Chaos auf in einer schmerzhaften Bündelung der Gegensätze. Chailly hat sich für die dramaturgische statt der symbolischen Version entschieden und lässt zwei statt drei Schlägen mit dem riesigen Holzhammer ins Orchester dazwischenfahren. Während einer Aufführung wie dieser denkt man daran, dass Chailly als Operndirigent begann und hier ein Opernorchester leitet. Die Farbigkeit, der emotionale Nachdruck und die plastische Phrasierung kommen aus der Oper. Sie erleichtern den Zugang zu der schicksalhaft mit sich ringenden Musik. Und die Kuhglocken, die vor allem im Andante moderato ein Fake-Idyll untermalen und im Schlusssatz gemeinsam mit der Celesta das Ohr reizen – die lässt Chailly von draußen hereintönen. Als seien sie nicht real.

Quelle: wa.de

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