Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester in Dortmund

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Riccardo Chailly dirigierte in Dortmund Tschaikowsky und Respighi. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Ein Buch hat ins Verderben geführt: Die Lektüre der Geschichte von Lanzelot und Ginevra verlockte Francesca da Rimini und Paolo Malatesta zum Ehebruch, stürzte sie ins Inferno Hölle, wo Dante sie in der „Göttlichen Komödie“ unsterblich machte.

Tschaikowsky schickt das Paar in seiner sinfonischen Dichtung „Francesca da Rimini“ (1876) erneut dorthin, mit einer Wucht und Zerstörung, den man dem Mann nicht zutrauen mag, den seine Komponistenkollegen, das „mächtige Häuflein“, als verweichlicht und verwestlicht apostrophierten. Das Werk stand auf dem Programm, das das Gewandhausorchester Leipzig unter seinem Chef Riccardo Chailly im Konzerthaus Dortmund absolvierte – ein Abend voll Feuer und Inspiration, wie man es im Tourneealltag auch der Großen selten erlebt.

Chailly dirigiert einen Tschaikowsky, der neben aller seidigen Schönheit und Biegsamkeit der Melodik eine Ahnung von der Hölle in sich trägt. Seine „Francesca da Rimini“ galoppiert mit unerbittlichem Rhythmus dem Unheil zu, mitten hinein in die ausgemaltesten Albträume. Die unruhig zuckenden Themen, die über dem Grollen der Kontrabässe und Celli die zerrissenen Seelen der verdammten Liebenden hervorrufen, zeichnet Chailly wie mit dem Brennglas nach. Exzessives Musizieren, ein hoher Kontrollgrad und zugleich Freiheit für die Musiker kennzeichnen seine Stabführung. Der Italiener schwelgt auch in Melodien, in den Höhepunkten tragen die Violinstimmen schon mal den Sieg über die sonst eiserne Klangkontrolle davon.

Mehr Kontrolle übt Chailly in Tschaikowskys Klavierkonzert Nummer 1 aus. Dessen Solopart führt Arkadi Volodos mit einer Virtuosität aus, die gekonnt zwischen Leichthändigkeit und schwerer Tastenlöwenkunst wechselt. Chailly hat die Urfassung des Konzertes (1874) ins Programm genommen, das von dem intendierten Widmungsträger Nikolaj Rubinstein für unspielbar erklärt worden war. Üblicherweise ist die überarbeitete Version von 1889 zu hören. Volodos begegnet in Dortmund den umwerfenden Schwierigkeiten mit Nonchalance, und Chailly nimmt es gelassen mit ihm auf. Gerade der Kopfsatz wirkt in der Originalfassung viel widersprüchlicher als gewohnt. Die Wechsel zwischen der hektischen Hauptthematik und den lyrischen Seitenthemen bieten Solist und Orchester mehr als genügend Gelegenheit, zu brillieren. Bei Chailly darf das Blech zwischendurch markig tönen, ein Flöteneinsatz grell. Auf die wie zersplitterte Schlusskadenz folgt ein herrliches Aufblühen, auf Zerrissensein folgt Prachtentfaltung. Der zweite Satz mit dem ländlichen Thema wirkt da vulkanisch: Volodos spielt zielgenau ins Sentiment hinein, während Chailly und das Orchester die Reibungspunkte liefern. Im Schlusssatz zieht Volodos alle virtuosen Register, ohne dabei zu hämmern, er steigert seinen Part in eine wilde Freude hinein. Chailly hält das Orchester am Entflammungspunkt, mit wohldosierten Ausbrüchen.

Als Zugabe spielt Volodos Alexander Skrjabins „Danse languide“, eine exquisite Nachtschwärmerei, duftig wie eine Treibhausblüte.

Den Schluss des Abends machen Ottorino Respighis „Pini di Roma“ (1924). Chailly nutzt das ganze Potenzial seines grandiosen Klangkörpers. Die gleißende Betriebsamkeit des ersten Teils steigert er ins Grelle, zu einem Bild mediterraner Betriebsamkeit, über dem man glaubt, Staubschleier in heißer Mittagsluft schweben zu sehen. Alle prachtvollen Effekte Respighis kommen zu ihrem Recht, bis hin zum berühmt-berüchtigten Schlussmarsch, in dem Mussolini seinen „Marsch auf Rom“ verherrlicht sah. Chailly lässt aus fahlen Farben ein Geisterheer erstehen und vorüber ziehen, bis zum exzessiven Schluss, zu dem er zusätzlich zu den 13 Blechbläsern im Orchester noch sechs weitere auf die Empore schickt und auf kolossale Art alle Dezibelgrenzen sprengt.

Quelle: wa.de

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