Das Revier vor Kohle und Stahl im Ruhrmuseum: „Werdendes Ruhrgebiet“

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Meisterliche Schnitzkunst: Der Reliquienkasten aus St. Ludgerus Essen-Werden ist im Ruhrmuseum zu sehen.

Von Ralf Stiftel ESSEN - Gleich zweimal findet man Christus auf dem Werdener Reliquienkasten. Frontal steht er zum Betrachter, in der Heiligenaura schweben Tiere, und dem Charisma des stark abstrahierten Gesichts mit seinen runden Augen und dem ornamentalen Bart kann man sich schwer entziehen.

Lange galt das Kästchen als Tragaltar des Heiligen Liudger. Schwer möglich: Der Gründer des Klosters Werden starb am 26. März 809. Der Kasten ist eine Bastelarbeit aus dem 13. Jahrhundert. Damals wurden die Beinschnitzereien aus dem 8. Jahrhundert auf einen Eichenholzkasten montiert. Liudger kann das kostbare Stück nie gesehen haben. Gleichwohl gehört es zu den größten Kostbarkeiten der Schatzkammer St. Ludgerus Werden. Ab Freitag ist es im Ruhrmuseum Essen zu sehen, in der alten Kohlenwäsche der Zeche Zollverein. Dort richtet die große Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“ den Blick auf die Zeit vor Kohle und Stahl.

Die Schau mit rund 800 Exponaten und einem Versicherungswert von 100 Millionen Euro beleuchtet die Geschichte der Region zwischen Xanten und Paderborn von der Spätantike bis ins frühe Mittelalter. Die Schau knüpft an ein Unternehmen von 1956 an. Damals zeigte die Villa Hügel „Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr“. Die erste überregional strahlende Großausstellung mit am Ende mehr als 270 000 Besuchern war ein ideologisches Projekt: Die Bundesrepublik sollte sozusagen integriert werden, man suchte Anschluss an das christliche Europa. Nun also das Remake, freilich ohne geistig-moralische Agenda, diesmal als wissenschaftliche Sondierung. Darum gibt es in den fünf Kapiteln auch nicht nur wertvolle Kunstobjekte zu sehen, sondern auch viele archäologische Funde.

Von dunklen Jahrhunderten spricht Museumsdirektor Heinrich Theodor Grütter. Schriftliche Überlieferungen existieren kaum. Aber in den letzten Jahrzehnten wurde der Boden gründlich erkundet. Die Region östlich des Rheins entpuppt sich als überaus vital – und gar nicht dunkel im Sinne von kulturlos. Drei nur wenige Zentimeter hohe Objekte zeigen am Anfang die Spannweite der Entwicklung: Eine römische Mars-Statuette, eine germanische Tonfigur, ein Kruzifix-Anhänger. Natürlich vollzog sich zwischen dem 3. und dem 11. Jahrhundert ein Wandel. Die germanische Stammeskultur wich dem christlichen Feudalstaat. Aber die Veränderungen liefen parallel mit vielen Kontinuitäten. Es gab Krieg zwischen Germanen und Römern, aber auch lange Phasen des friedlichen Nebeneinander, in denen man Handel trieb und voneinander lernte. Und die Christianisierung vollzog sich parallel zu den Eroberungs- und Vernichtungsfeldzügen Karls des Großen und seiner fränkischen Nachfolger.

Von alldem erzählt die Schau zum Beispiel im ersten Kapitel „Leben“ mit Funden wie Werkzeug, Tongefäßen, fragilen, fein gestalteten Glasobjekten, Münzen. Römischer Schmuck, silberne Löffel, Viehglocken und die Knochen einer Schlachterei bei Castrop-Rauxel zeigen plastisch, dass es einen Alltag gab in jener grauen Vorzeit. Man staunt über die feine Ornamentik des Gürtelbeschlags aus dem 7. Jahrhundert. Im Kapitel „Streiten“ werden in gläsernen Vitrinen die Waffenarsenale der Zeit ausgebreitet, Speerspitzen und rostige Schwerter. Und ein Schädel zeugt von der entwickelten Medizin der Zeit: Ein Schwerthieb hatte einen Teil des Knochens abgetrennt, aber die Wunde war gut verheilt. Der Mann hatte den Kampf überlebt.

Dann kamen Karl und das Christentum. Die Region blieb interessant. Die Könige, ob sie Otto hießen oder Heinrich, besuchten die Städte um den Hellweg, Duisburg, Dortmund, Soest. Liudger, der friesische Missionar und Bischof von Münster, gründete Werden um 800, sein Nachfolger Altfried rund 50 Jahre später das Frauenstift Essen, Keimzelle der Stadt. Einige der wichtigsten Kunstschätze dieser Zeit sind in der Schau zu sehen, wie das Jagdhorn Karls des Großen, sein Brustkreuz und sein Jagdmesser aus dem Aachener Domschatz. Aus Werden und dem Essener Domschatz stammen Preziosen wie das vergoldete „Essener Schwert“ (um 1000), der Bucheinband des Theophanu-Evangeliars (1039/58), das Große Karolingische Evangeliar (um 800) und das wohl in Corvey geschaffene, prachtvoll illuminierte Kleine Karolingische Evangeliar (1. Hälfte 10. Jh.), goldene Kruzifixe, Elfenbeintäfelchen und Sandsteinreliefs.

Auch das Nachleben dieser Zeit zwischen Mythos und Historie fehlt nicht. Mal blicken verklärende Schulwandbilder des 19. Jahrhunderts auf den missionierenden Bonifatius, der die Wotanseiche fällt. Mal diente Historie als nationale geistige Wehrertüchtigung im Wittekindkult und in der Fehldeutung der Externsteine als germanische Kultstätte durch die Nazis. Am Ende wurde man friedlich und fand in der Villa Hügel das Abendland. Kalt ließen und lassen die dunklen Jahrhunderte nie. Die Essener Schau macht die Zeit fassbar und erlebbar wie kaum je zuvor.

Werdendes Ruhrgebiet

im Ruhrmuseum Essen.

27.3.–23.8.,

tägl. 10 – 18 Uhr,

Tel. 0201/ 2468 14 44

www.ruhrmuseum.de

Katalog, Klartext Verlag, Essen, 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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