Retrospektive auf Constant Permeke im Bozar Brüssel

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Archaisch stilisierte Figur: Constant Permekes Bild „Leonie“ (um 1930). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BRÜSSEL–Lebensgroß erhebt sich „Leonie“ vor dem Betrachter, die Constant Permeke um 1930 zu einer Ikone des flämischen Landlebens stilisierte. Nichts lenkt von der monumentalen Figur ab, die er vor neutralem Grund in Braun- und Ockertönen zeigt. Das Gesicht erscheint als archaische Maske, überlang die Arme mit den wuchtigen Händen, und die mächtigen Füße zeigen die Erdverbundenheit dieser Frau.

Prägnant betont Permeke die Konturen, während er die Farbigkeit zurücknimmt. „Leonie“ ist mehr Zeichnung als Gemälde. Es gab Phasen in seinem Schaffen, da hat der Künstler fast nur gezeichnet, große Formate, in denen er Umrisse mit Holzkohle kraftvoll fixierte. Diese Fähigkeit zur Reduktion charakterisiert den großen Vertreter des flämischen Expressionismus, dem der Palast der schönen Künste in Brüssel, der Bozar, zum 60. Todestag eine Retrospektive widmet.

Permeke, 1886 in Antwerpen geboren, 1952 in Ostende gestorben, war zu Lebzeiten ein Künstler europäischen Formats. Bei der Biennale in Venedig 1950 teilte er sich den Conte-Volpi-Preis mit Max Beckmann. Doch nach seinem Tod war er nicht mehr so präsent im europäischen Kunstbetrieb, obwohl Zeichnungen von ihm noch bei der documenta in Kassel 1964 gezeigt wurden. Die letzte große Ausstellung wurde 2004 im Gemeentemuseum Den Haag gezeigt. Die Werkschau in Brüssel, kuratiert von Willy van den Bussche, Direktor des Constant Permeke Museums, war überfällig. Sie belegt mit 130 Exponaten die Qualität und Aktualität dieses Künstlers.

Permeke studierte zunächst in Brügge, später in Gent, kam mit großen belgischen Künstlern in Kontakt, James Ensor, Leon Spilliaert, Frits van den Berghe. Seine Anfänge liegen im Impressionismus, wie ein Rückenporträt seiner späteren Frau Marie (1907) mit seinen Pastelltönen deutlich macht. Wobei der Auftrag mit pastoser Farbe in sichtbaren Strichen eher auf van Gogh verweist. Permeke suchte sich seine Motive im engeren Lebensumfeld: Zeitlebens malte er Bauern, Fischer, die flämische Landschaft, Marinen. Revolutionär ist die Art, wie er arbeitete. Er sog die Avantgarde auf, verarbeitete den Kubismus, den Luminismus, die archaischen Formen der außereuropäischen Kunst. Der „Schlachter“ (1916) schwingt am Hauklotz unter freiem Himmel das Beil über einem mächtigen Fleischstück. Diese Bilderzählung verweist auf die alten Meister wie Breughel.

Er emanzipierte sich von solchen Vorbildern. Im 1. Weltkrieg wurde er eingezogen und schon 1914 schwer verwundet. Er ging nach England, holte später die Familie nach, und sah die Bilder von William Turner. Dessen Einfluss ist noch in den späten Landschaften zu finden, die fast monochrom abstrakt das flache Land abbilden, ein grüner Frühling (ca. 1937), eine gleißend gelbe „Ernte“ (1937). Ebenso eindringlich beschwört er schweres Wetter über dem Meer in der „großen Marine“ (1935). Nach dem Krieg kehrte er nach Belgien zurück, zunächst nach Ostende, später ein wenig ins Landesinnere ins Dorf Jabbeke, wo er 1929 mit einem Architekten sein Haus entwarf, die „Vier Winde“, heute ein Permeke-Museum. Er wurde bekannt, nahm 1922 erstmals an der Biennale in Venedig teil, hatte große Ausstellungen in Brüssel, Amsterdam, Den Haag.

Nun entwarf er seine wuchtigen Figuren, oft als Holzkohlezeichnungen im Gemäldeformat. Oder er malte den „Jungen Fischer“ (1924) mit schwarzer Farbe auf ungrundiertes Holz, so dass die Maserung den Hintergrund bildet. Seine Motive sind nah am Alltag, wie das „Schwarze Brot“ (1923), bei dem ein Bauernpaar am kargen Tisch zu sehen sind, eine Darstellung einfacher Leute in der Tradition van Goghs. Wobei Permeke Akzente dadurch setzt, dass er Teile des Bildes nicht malt, sondern die Bleistiftstriche der Vorzeichnung frei stehen lässt. Das Fragmentarische wird zum Stilmittel.

Permeke, der Familienmensch, wählt zunehmend den Frauenakt zum Thema. Sechs Kinder hat er mit Marie, zwei sterben schon früh. 1921 zeichnet er eine „Mutterschaft“, die Darstellung eines Frauentorsos mit Kind, ein verweltlichtes Marienbild. 1924 zeigt er in „Schwangerschaft“ einen Frauenakt mit vorgewölbtem Bauch. 1922 im Gemälde „Over Permeke“ stellt er seine Familie am Esstisch dar, wuchtige Figuren, seinen markanten Kopf malt er überlang, wie eine afrikanische Maske. Das Gemälde formuliert ein Lebensgefühl: Permeke liest einen Zeitungsartikel über sich. Kunst, öffentliche Wirksamkeit, Familie und – mit dem Kruzifix in der Ecke – Frömmigkeit bilden neben dem äußerlichen das ideelle Selbstporträt. Es heißt, das Permeke sonntags nicht malte. 1926 schuf er eins seiner buntesten Bilder, die „Kutsche“, in der ein Bauernpaar im Sonntagsstaat offensichtlich zum Gottesdienst fährt. Das ist ganz unironisch zu nehmen.

Bauern, Fischer, Landschaften – in den Themen hätten sich eigentlich die Nazis finden können. Doch als sie Belgien besetzten, verhängten sie ein Malverbot über ihn, erklärten sein Werk für entartet. Für seine vitalen Formen und seinen Witz hatten sie keinen Sinn. Man sehe nur sein Gemälde „Die Sau“ (1929), in dessen Hintergrund er in breughelscher Tradition ein kopulierendes Liebespaar und einen Mann auf der Toilette verbarg. In Brüssel ist ein Künstler zu entdecken, der weit mehr war als eine belgische Nationalgröße.

Constant Permeke im Palast der schönen Künste, Bozar, Brüssel. Bis 20.1., di - so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 507 82 00, http://www.bozar.be, Katalog (nl./frz.) 39,95 Euro

Quelle: wa.de

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