Die „Retrofuturisten“ deuten in Dortmund einen Klassiker um: „Moby Dick vs. A.H.A.B.“

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Der Wahn in der Kritik: Szene aus „Moby Dick“ am Theater Dortmund mit Franziska Dittrich, Johannes Hubert und Uwe Schmieder (von links).

Von Ralf Stiftel DORTMUND - „Nennt mich Ismael“, fordert die Puppe ins Publikum. Und selbst, wenn ein flug- und sprechfähiger „Superkoffer“ ins Spiel kommt, erzählen die „Retrofuturisten“ den 1851 erschienenen Roman „Moby Dick“ von Herman Melville auf ihrer Puppenbühne im Studio des Schauspiels Dortmund weitgehend werkgetreu.

Nach 25 Minuten reißt der Wal den rachsüchtigen Kapitän Ahab, der nur als überlebensgroßes Holzbein in der Puppenbühne zu erkennen ist, und das Schiff in die Tiefe der See, und nur Ismael überlebt auf dem Sarg seines Kameraden als Rettungsboot.

„Moby Dick“ gehört zu den großen archetypischen Texten der Weltliteratur. Die „Retrofuturisten“ um Regisseurin Roscha A. Säidow ziehen vom Roman eine Linie zum modernen Terror. Andreas Baader von der RAF hatte sich „Ahab“ als Tarnnamen gewählt. Der etwas über einstündige Abend „Moby Dick vs. A.H.A.B.“ des Theaterkollektivs aus Berlin schichtet drei Deutungsebenen der Besessenheitsstudie übereinander. Jedesmal werden die Figuren größer. Dem Puppenspiel um die Waljagd folgt eine Übersetzung ins Milieu von Verschwörern und Agenten, mit den Akteuern in der Aufmachung des „schwarzen Blocks“. „A.H.A.B.“ deutet einen Spruch des rechten Untergrunds um, aus „All Cops Are Bastards“ wird „All Heroes Are Bastards“. Und ein Verhör, bei dem nach dem Grund für den Weg in den Walfang gesucht wird, mündet in Schlägerei.

Die Inszenierung arbeitet mit Bildprojektionen, die live erzeugt werden. Wenn Ismael auf dem Schiff seekrank wird, strichelt ein Darsteller die „Kotze“ mit dem Filzstift auf den Overhead-Projektor. Und der Chef-Terrorist, der skandiert, dass der Fisch vom Kopf her stinke, erscheint als überlebensgroßer Schatten eines Videospielmonsters auf einer Leuchtwand.

Der Wahngeschichte und ihrer Aneignung durch Gewalttäter folgt die Wendung in einen Diskurs. Aber kein Günther Jauch übersetzt hier Politik in Entertainment. Ein Melville verlangt nach Experten, und so macht sich das Literarische Quartett ans Werk. Da schrumpft selbst der Oberrevoluzzer vor der Leinwand zum armen Würstchen, dem Sigrid Löffler mütterlich die Schulter reicht. Und Uwe Schmieder brilliert als Reich-Ranicki mit einem Text, der Gedanken über Wahn und Kapital in den Jargon des Bildungsfernsehens übersetzt.

Diese Hetzjagd durch die Theaterformen, diese mehrbödige Spiel zwischen Literatur und Leben, diese Montage von Elementen, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen, ist nicht nur treffsicher, sondern außerdem hoch unterhaltsam.

Und die silberne Fluke tanzt so wunderschön.

4., 16.4., 10., 20.5., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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