Renan Demirkan im Stück „Iskender“ auf Zollverein

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Konflikt in der Kokerei: Szene aus „Iskender“ mit Renan Demirkan (in der Mitte). ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Der Mann mit dem blauen Schirm hat einen wunderbaren, manischen Blick drauf. „Bitte folgen Sie mir“, ruft er unablässig und treibt seine Herde voran, liest von Karteikarten zusammenhanglos Informationen ab, scheucht seine Menschen noch weiter. Er ist der Führer in einem Irrenhaus, und wer ans Geländer der Trichterhalle tritt, der kann die Kranken sehen, sagt er.

Das Gebäude der ehemaligen Kokerei auf Zollverein in Essen spielt eine Hauptrolle in der Theaterfassung des Jugendromans „Iskender“ von Hermann Schulz. Die Trichterhalle bietet Raum für eine Ruhrpottkneipe, ein Irrenhaus samt Isolierraum für die kleine Hauptfigur; der Vorraum stellt ein einst vornehmes, aber heruntergekommenes Hotel in Berlin dar. Gerold Theobalt hat den Stoff dramatisiert und Regisseur Johannes Klaus hat ihn geradezu perfekt an den Ort angepasst. Klaus, der Professor an der Folkwang-Universität ist, hat auch gleich das Ensemble, bestehend aus seiner Schauspiel-Abschlussklasse mitgebracht, und die jungen Leute schlagen sich vorzüglich, wechseln von einem Moment zum anderen die Rollen, führen das Publikum durch das Stationen-Theater, nach draußen zu zwei Freilichtbühnen, auf denen weiter gespielt wird.

Iskender ist ein Junge, geboren als Alexander Lehmann von einer deutschen Mutter, gesucht von seinem türkischen Vater Asaf Karpat – Patrick Berg als anatolischer Gastarbeiter mit Schiebermütze und stets aufgerissenen Augen. Asaf findet den Jungen in einer Anstalt, wo er als Autist lebt. Er entführt ihn und bringt ihn zu seinen Eltern nach Anatolien, wo das Kind sich erholt. Doch die deutschen Behörden wollen Iskender zurück.

Das Kind wird gespielt von den eineiigen Zwillingen Laura und Lisa Quarg, beide Folkwang-Absolventinnen. Laura Quarg tobt auf einem weißen Quadrat, das ihr Zimmer in der Anstalt darstellt. Unheimlich, wie sie die Tics eines kranken Kindes darstellt, wie sie heulend im Kreis läuft, scheinbar abgetrennt von jeder Außenwahrnehmung. Ihre Schwester übernimmt die Rolle des gesundenden Jungen und findet eine Körpersprache, die Angst, Neugier und unbeugsamen Lebenswillen ausdrückt. Berührend die Annäherung an die Großeltern (Holger Spengler und Vanessa Mecke als gutherziges Hirtenpaar).

Die Rolle der türkischen Diplomatentochter und angejahrten Kunstliebhaberin Fahriunusa füllt Renan Demirkan vollendet aus. Im „Berliner Hotel“ lauscht sie mit tiefem Augenaufschlag dem Pianisten Paul, der für sie Schumann spielt; eine ganze Welt von Wünschen und Melancholie in ihrer Haltung.

Der Mann mit dem blauen Schirm (Philipp Weigand) gibt auch den verklemmten hanseatischen Pianisten mit Koteletten. Überhaupt wird jede Nebenrolle liebe- und humorvoll gespielt. Mareike Hein spielt eine Kellnerin in einer deutschen Gastwirtschaft und winkt das Publikum forsch auf die Barhocker, bevor sie sich alles ins Dekollete steckt, dessen sie habhaft werden kann; Bierdeckel, Geld, ein Rakiglas: „Na denn man tau.“

Die Aufführung ist witzig, berührend, hat nur zum Schluss einige dramaturgische Längen, die Regisseur Klaus aber gut auffängt, indem er die Handlung zwischen gegenüberliegenden Bühnen wechseln lässt. Und sie hat einen weiteren, wunderbaren Hauptdarsteller: die Kokerei. Die Anlagen aus Stahl und Eisen bieten Raum für Fantasie. Vor allem, weil an unerwarteten Ecken Figuren erscheinen und das Publikum durch Musik und Monologe weiterführen.

Das Stück

Hermann Schulz‘ Roman als Dramatisierung von Gerolt Theobalt mit Schauspielerin Renan  Demirkan in der Kokerei des Welterbes Zeche  Zollverein Essen: Iskender

5., 9., 13., 14. Mai

Tel.: 0201/812 22 00

http://www.zollverein.de

Quelle: wa.de

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