René Grohnert spricht über das Plakat

Grafische Herausforderung: „The Workers“ (2019) von Niklaus Troxler (Schweiz) wirbt für eine Band und eine Musikveranstaltung. Foto: troxler (ch) / 100 beste plakate e.v.

Essen – Haben Sie noch ein Plakatbild im Kopf oder erinnern Sie sich an eine Information, die über ein Plakat vermittelt wurde? Das Plakat hat es schwer in der digitalen Welt. Litfasssäulen werden nicht mehr aufgestellt. Aber das Museum Folkwang in Essen präsentiert derzeit mit der Schau „100 Beste Plakate 19“ eine Auswahl des gleichnamigen Wettbewerbs für Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es gibt sie also noch, die guten Plakate. Seit 2008 findet die Auswahl jährlich statt und ist der größte Wettbewerb im deutschsprachigen Raum zu diesem Infoträger. Der 100 Beste Plakate e.V. kooperiert mit dem Museum Folkwang. Nach der ersten Station in Berlin ist die Ausstellung noch in St. Gallen, Luzern, Seoul (Südkorea), Wien, Zürich und Genf zu sehen. René Grohnert, Leiter des Deutschen Plakatmuseums im Museum Folkwang, spricht mit Achim Lettmann über Trends, Kulturplakate, Plätze im öffentlichen Raum.

Gibt es einen Trend beim Plakatdesign?

Was in den letzten Jahren auffällig war, ist, dass die Typografie eine größere Rolle spielt. Sie nimmt die ganze Fläche des Plakats ein. Sie wird entgegen aller Regeln genutzt, groß, dick, dünn, klein, fett – drei verschiedene, zehn verschiedene Schriften. Die Typografie ist also so eine Art dekoratives Element geworden. Nicht nur Informationsvermittlung als Schriftwahrnehmung, sondern es hat auch an Dekorativität gewonnen. Das gab es vor zehn Jahren so noch nicht. Die zweite Sache ist, dass die Vielfalt zwischen Illustration und Fotografie nach wie vor da ist. Die Typografie hat nicht alles verdrängt. Wenn man von Trends redet, dann ist sicherlich der, dass die Typografie eine große Rolle spielt, der wichtigste.

Dekorativität haben Sie schon genannt. Die visuellen Reize sind also stärker als der Informationsgehalt der Plakate.

Es geht beim Plakat darum, Aufmerksamkeit zu generieren, und das geht nicht mit Zurückhaltung. Wie macht man das? Am besten mit starken Kontrasten, mit frechen und provokativen Motiven. Und natürlich auch mit Schrift oder einem Slogan, einem Begriff, der sehr schnell eingängig ist. Das muss man bewerkstelligen. Der Wettbewerb des Vereins lässt aber auch Platz für Experimente. Das macht ihn besonders. Studenten können sich mit ihren Projekten darstellen. Eigenwerbung ist möglich, es gibt nicht nur Auftragsarbeiten. So entsteht eine Unterschiedlichkeit. Dass die Differenzierung des Plakates so weit fortgeschritten ist, das merken wir daran, dass es keine Produktplakate in diesem Wettbewerb gibt. Dafür gibt es bereits einen eigenen Wettbewerb. Die PlakaDiva. Da bewirbt sich kaum jemand mit Kulturplakaten. Dort ist das Plakat nur das Anhängsel, um zwischen anderen Werbemitteln zu fungieren. Aber beim Kulturplakat hat das Plakat immer noch eine Monopolstellung, manchmal ist es das einzige Werbemittel für ein Theater oder Museum.

Welche Rolle spielen Plakate bei der Informationsverbreitung heute?

Bei der Informationsverbreitung eigentlich keine Rolle mehr. Gucken wir in die 60er Jahre, da stand bei den Jazzfestivals das ganze Programm drauf. Das haben die Leute gelesen. Dieses Lesen findet heute in anderen Medien statt. Im Internet, natürlich in Zeitungen, in Anzeigen und Fernsehen, da findet Verbreitung statt. Das Plakat ist nach wie vor ein Emotionsträger im kulturellen Bereich. Es gibt vom Schauspiel Frankfurt sehr schöne Plakate von Gunter Rambow. Da steht nur der Titel des Bühnenstücks mit einer starken Abbildung. Natürlich auch Schauspiel Frankfurt und darunter die Webadresse. Aber man sieht gar nicht, wann findet das Stück statt, wann ist die Premiere. Man hat das Stück und die Information, wo man mehr erfahren kann.

Ist das Plakat im öffentlichen Raum eine Rarität geworden?

Naja, eine Rarität zum Glück noch nicht, aber die Stellen sind zurückgegangen. Die Stellen, die neu hinzugekommen sind, sind aber nach wissenschaftlichen Kriterien aufgestellt. Man hat ein Punktesystem. Was ist das für eine Stelle, steht ein Baum davor, kann da ein Lkw parken, wieviel Leute laufen daher? Man weiß ungefähr, wie diese Stelle frequentiert wird. Wenn man ein Plakat aufhängt, misst man letztlich Erinnerung. Können sich die Leute noch erinnern, was sie vor einer Woche dort gesehen haben? Ja, die Stellen gehen zurück, aber die Aufmerksamkeit an neuen Stellen ist größer.

Für Plakatflächen wird Werbung gemacht. Das Plakat muss anscheinend kämpfen?

Jein. Die gesamte Außenwerbung, dieses „Out of Home“ wächst jedes Jahr um wenige Prozente, aber sie wächst kontinuierlich. Früher gab es eine Medienkonkurrenz. Das heißt, wenn ich was im Fernsehen mache, dann mach ich kein Plakat. Heute gibt es durchgezogene Kampagnen. Ich mache was im Fernsehen, ich mache was im Internet, in den Anzeigen. Und wo die Leute keinen Bildschirm haben, da sind sie draußen unterwegs, und da wird das wiederholt, was auf dem Monitor sonst zu sehen wäre. Und dort spielt das Plakat, mit dieser einzigen Eigenschaft zu wiederholen, eine größere Rolle.

Also als Ergänzung.

Als Ergänzung sozusagen und dass das Plakat eine Einbindung in andere Kampagnen findet, die mit Events zusammen hängen. Wo etwas vorbereitet wird, das großartig zelebriert wird. Da spielt das Plakat eine neue Rolle. – Das Plakat wird erst dann verschwinden, wenn es preiswerter wird, digitale Medien aufzuhängen als Papier anzukleben. Da sind wir noch eine Weile von entfernt.

Wie reagieren Grafikdesigner auf den gewandelten Stellenwert der Plakate?

Bis vor zehn Jahren gab es eine ganze Reihe von bedeutenden Grafikdesignern, die sich hauptsächlich mit dem Plakat beschäftigt haben.

Wie Uwe Loesch.

Uwe Loesch, Holger Matthis, Gunter Rambow, eine ganze Reihe, ohne jetzt absichtlich jemanden wegzulassen. Die gibt es und die gab es. Und die haben die Entwicklung geprägt. Aber die hatten viele viele Jahre Zeit, weil sie viele viele Jahre Aufträge im Bereich Plakat bekommen haben. Das wird heute so nicht mehr passieren. Also es wird heute bis auf einige wenige, kaum noch jemanden geben, der sich in dem Bereich austoben kann, weil es die Auftragslage nicht mehr gibt. Es geht um Kampagnen, und dann ist das Plakat nur noch Teil der Arbeit. Das ist natürlich nicht so schön.

Werbeagenturen, Grafikbüros, Hochschulen? Wo wird das Plakatdesign noch gefördert? Gibt es ein Refugium?

An den Universitäten schon. Es heißt, dass das Plakat die Königsklasse des Grafikdesigns ist. Das mag jetzt komisch klingen, aber es ist ein hochkomplexes Gebilde, das Plakat, man muss sehr viel bedenken, wenn es funktionieren soll. Das zu lernen, sich auf einen komplexen Sachverhalt einzulassen, und den mit einfachen Mitteln umzusetzen, das ist immer wieder Gegenstand der Übung an den Universitäten.

Wir haben über Kulturplakate gesprochen. Ist die Bewerbung von Produkten bei der Plakatproduktion noch signifikant?

Doch schon. Die Haupteinnahmequelle bei öffentlichen Plakaten sind Produktplakate. Ganz wichtiger Einnahmefaktor war die Zigarettenreklame, weil es der einzige Ort in Europa war, wo noch für Tabak geworben werben durfte. Das hört jetzt auf. Ab 2021 ist Tabakwerbung verboten. Kinowerbung gibt es schon lange nicht mehr. Da geht viel verloren. Übrigens auch im historischen Plakat ist die Tabakwerbung ein großes Thema. Natürlich, wenn man raus geht, dann sind die großen Handelsketten und Konzerne zu sehen. Aber interessanterweise, das ist auch noch nicht lange so, vielleicht fünf oder zehn Jahren, würde ich sagen, erscheinen Plakate zu Fernsehserien im öffentlichen Raum. Für bestimmte Serien, für bestimmte Sender erscheinen Plakate im öffentlichen Raum. Um der Konkurrenzsituation einfach noch eins drauf zu setzten.

Also Netflix braucht das Plakat.

Im Prinzip ja. RTL macht sehr viel mit Plakaten, WDR ja auch lange Zeit und jetzt wahrscheinlich wieder. Es gibt immer wieder diesen Medienmix, dass das eine für das andere Medium wirbt.

Bis 9. 8.; di, mi 10 – 18 Uhr, do, fr 10 – 20 Uhr, sa, so 10 – 18 Uhr; Tel. 0201/845 444; www.museum-folkwang.de

Zur Person

René Grohnert, geboren 1956 in Berlin, studierte 1981 Museologie in Leipzig, ab 1987 Kunstgeschichte als Fernstudium in Halle. Ab 1991 fanden Projektarbeiten am Deutschen Historischen Museum Berlin statt. Mit Jörg Weigelt gründete Grohnert den Verlag PlakatKonzepte in Hannover. Er gab das Plakat-Journal bis 1998 heraus, arbeitete in einem Düsseldorfer Verlag und ist seit 2005 Leiter des Deutschen Plakat Museums im Museum Folkwang Essen. Grohnert ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Kempen bei Krefeld.

Quelle: wa.de

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