Religionskampf: Thomas Asbrigdes „Die Kreuzzüge“

In den Mittagsstunden des 15. Juli 1099 ging für die einen ein Traum in Erfüllung; über die anderen brach ein Inferno herein. Nach gut eineinhalb Monaten Belagerung stürmte ein westeuropäisches Heer die Mauern Jerusalems. Die christlichen Soldaten steigerten sich in einen Blutrausch und töteten mehrere tausend der muslimischen und jüdischen Einwohner. Der britische Historiker Thomas Asbridge zeigt in seiner umfangreichen „Geschichte der Kreuzzüge“, wie es zu den gut 200 Jahre währenden Auseinandersetzungen kam. Von Jörn Funke

Die Darstellung reicht vom 27. November 1095, als Papst Urban II. in Clermont zur „Befreiung“ des Heiligen Landes von den „Ungläubigen“ aufrief, bis zum 18. Mai 1291, als mit Akkon die letzte christliche Festung in der Region fiel. Asbridge erzählt die Ereignisgeschichte ausführlich und beschreibt anschaulich, wie die Glaubenskrieger ein irdisches Königreich Jerusalem und drei Fürstentümer gründen – nicht alle Adeligen wollten nur für die Sache Gottes streiten.

Asbridge, der mittelalterliche Geschichte am Queen Mary College in London lehrt, lässt die muslimische Seite ausführlich zu Wort kommen. Er beschreibt das Entsetzen über die Gewalt-exzesse und zitiert muslimische Chronisten, die sich über die ungehobelten Manieren der Eroberer mokieren. Der Erfolg der Kreuzfahrer, das macht Asbridge klar, erklärt sich auch durch die notorische Uneinigkeit der muslimischen Herrscher, die die Invasoren anfangs unterschätzten. Und: Mindestens so bedeutend wie die Auseinandersetzung zwischen den Religionen war die zwischen den Konfessionen: Lateinische und griechische Christen bekämpften sich ebenso wie sunnitische und schiitische Muslime.

Asbridges Studie leidet allerdings unter einer selbst auferlegten Beschränkung auf die „offiziellen“, vom Papst legitimierten Kreuzzüge. Der Volkskreuzzug des Peter von Amiens, der 1095/96 zum größten Judenpogrom des Hochmittelalters führte, wird genauso kurz abgetan wie die Kämpfe christlicher Ritter in Spanien und Osteuropa.

Dafür nehmen die „Champions“ des Hochmittelalters umso mehr Raum ein: Im 3. Kreuzzug (1191/92) versuchten der deutsche Kaiser Friedrich, der französische König Philipp II. August und der englische König Richard das mittlerweile wieder muslimische Jerusalem dem mächtigen Sultan Saladin zu entreißen. Richard I., genannt „Löwenherz“, gegen den legendären Saladin, das ist ein Fest für Asbridges narrative Geschichtsschreibung. Der Kreuzzug endete „unentschieden“, und danach ging es für die christliche Herrschaft im Heiligen Land stetig bergab.

Für Europa blieb der Zusammenbruch der Kreuzfahrerstaaten folgenlos, schreibt Asbridge. Doch ein idealisiertes Bild der Kreuzzüge, das im 19. Jahrhundert entstand, lebe fort. Sowohl Osama bin Laden als auch George W. Bush schmückten ihre Rhetorik mit entsprechenden Metaphern.

Thomas Asbridge: Die Kreuzzüge. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. 807 Seiten, 39,95 Euro.

Quelle: wa.de

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