Ad Reinhardts Schwarze Gemälde im Quadrat Bottrop

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Kein Foto kann die Nuancen wiedergeben: Ein „letztes Bild“ von Ad Reinhardt im Quadrat in Bottrop. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOTTROP–Auf den ersten Blick sieht der Besucher nur Schwarz. Sieben quadratische Tafeln schimmern matt, geheimnisvoll im Oberlichtsaal des Josef-Albers-Museums in Bottrop.

Tritt man allerdings näher, erkennt man, dass zum Beispiel das Bild ganz links gar nicht schwarz ist. Sondern aus extrem dunklen Blau- und Grautönen komponiert ist. Der Maler Ad Reinhardt hat die Fläche, wie auch bei den übrigen Gemälden, 1,57 mal 1,57 m messend, in drei mal drei Quadrate unterteilt, so dass eine Kreuzstruktur entsteht. Von Tafel zu Tafel wird diese Malerei fortgeschrieben. Immer mehr nähert Reinhardt sich der Grenze, an der man keine Farbkontraste mehr wahrnimmt. Aber er überschreitet diese Grenze nicht. Das wäre in seinen Augen keine Malerei mehr gewesen, die monochrom eingeschwärzte Leinwand.

„Letzte Bilder“ heißt die Ausstellung in Bottrop mit rund 40 Werken Ad Reinhardts (1913-1967) und rund 30 Arbeiten von Albers. Es ist die erste Einzelausstellung des amerikanischen Künstlers in Europa seit 25 Jahren. Reinhardt sei ein Mythos der Kunstgeschichte, sagt Museumsdirektor Heinz Liesbrock, jedem Kunstinteressierten ein Begriff. Aber die Bilder seien in Europa kaum öffentlich sichtbar. Schon weil so wenige Museen welche besitzen. So prunkt die Bottroper Schau mit Leihgaben aus dem MoMA und dem Whitney Museum in New York, aus dem Center Pompidou in Paris und der Tate Gallery in London. Gerade die „schwarzen Bilder“ Reinhardts sind extrem empfindlich, weil die Pigmente an ihrer Oberfläche freiliegen. In Bottrop, unterstreicht Liesbrock, wird der Mythos nun wieder zur Diskussion gestellt. Die Ausstellung ist, im Unterschied zu vielen, die das nur behaupten, ein Ereignis.

„Letzte Bilder“, so nannte Reinhardt selbst seine späten, schwarzen Werke, um ihre Extremposition zu charakterisieren. Immer neue, dünne Schichten trug er auf, und so schuf er Farbflächen, die den Blick in ihre Tiefe zu saugen scheinen. Der Betrachter muss sich anstrengen, um diese Gemälde wirklich zu erfassen. Ihr Schwarz begegnet dem Blick nicht als einheitlicher, fester „Farb“-Wert, sondern scheint zu flimmern, eine Art visueller Resonanz wegen der kleinen, aber eben präsenten Tonunterschiede. Reinhardt verhilft mit seiner Malerei dem Betrachter zu neuen Wahrnehmungen, aber er verlangt sie ihm eben auch ab. „Die Kunst lehrt den Menschen das Sehen“, sagte er. Es hat etwas von einer spirituellen Erfahrung, den Blick in die dunklen Flächen zu versenken. Reinhardt lagen solche Absichten fern, er trennte die Sphären klar: „Kunst ist Kunst und Leben ist Leben.“ Die letzten Bilder sind keine verkappten Ikonen.

In Bottrop kann man die Entwicklung Reinhardts verfolgen. Schon als Schüler beteiligte er sich an künstlerischen Wettbewerben, und früh schon erhielt er kommerzielle Aufträge für Buchillustrationen und Gebrauchsgrafik. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, verkörperte, so Liesbrock, den Typ des pictor doctus, des gelehrten Künstlers. Reinhardt wurde 1937 Mitglied der American Abstract Artists. Er greift die Tendenzen der Zeit auf. Besonders Piet Mondrian wird für ihn zur Leitfigur. Später auch Josef Albers. Diesem Thema widmet die Ausstellung ein eigenes Kapitel mit verblüffenden Gegenüberstellungen. Der strenge Reinhardt ließ wenige andere Künstler gelten. Albers allerdings kannte und respektierte er. Und wenn man Albers' „Homage To The Square: Private Sky“ (1951) und Reinhardts „Abstract Painting (Green)“ (1952) nebeneinander sieht, denkt man fast, die Künstler hätten nebeneinander im Atelier von einer Palette gearbeitet. Der Farbakkord aus hellem und dunklen Blau sowie Grün ist überaus ähnlich gestimmt.

Die frühesten Arbeiten in der Ausstellung stammen aus der Zeit um 1940 und sind relativ bunt, wobei die Farben abgedämpft sind, sich in der Helligkeit wenig abheben. Von da an lässt Reinhardt immer mehr weg, was er als überflüssig empfindet. Um 1950 ist die Palette stark eingedunkelt. Ein kleines Werk von 1950 zeigt in einer Rahmung aus dunklen Flächen ein weißes, horizontales Zeichen, eine Art doppelter Pinselstrich, auf einem blau-rötlich changierenden Grund. Das leise Bild erinnert noch an eine Wolkenformation, und es weist noch eine erkennbare Handschrift auf. Parallel dazu entwickelt Reinhardt die „Brick paintings“, extreme Hochformate mit block- oder ziegelartigen Strukturen. Dann gibt es rote und blaue Bilder, in denen er die Fläche geometrisch streng unterteilt, indem er unterschiedliche Farbtöne verwendet. Schon das „Abstract Painting, Blue“ (1953) arbeitet an der Grenze der Unterscheidbarkeit. In dem Jahr entstehen auch die ersten schwarzen Gemälde, deren Schwarz durch Einmischen anderer Farben gebrochen wird. Ab 1960 malt er nur noch so, anfangs aber noch in verschiedenen Formaten. Am Ende findet er das Quadrat von fünf mal fünf Fuß als Idealmaß. Alles Beiläufige ist fortgelassen, nur die Essenz der Malerei blieb.

Die Ausstellung zeigt einen Grad der Verfeinerung, der nicht einfach zu erfahren ist. Reinhardts Bilder sind extrem rational erarbeitet. Es war ihm bewusst, dass er die Kunst entmystifizierte, aber er versprach zum Trost, „die Frage der Farbqualität als tiefes, strahlendes Geheimnis zu wahren“. Es sind einfach nur schwarze Quadrate, die im Oberlichtsaal des Museums mit dem Tageslicht reagieren. Und doch sieht man sie nie zu Ende.

Bis 9.1.2011. di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr,

Tel. 02041/ 297 16,

http://www.quadrat-bottrop.de

Katalog, Richter Verlag, Düsseldorf, 34 Euro

Quelle: wa.de

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