Rechte Morde: Comic und Ausstellung „Weisse Wölfe“

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Starke Bilder transportieren nüchterne Fakten über Neonazis: Bild aus dem Comic „Weisse Wölfe“, zu sehen in Dortmund.

Von Rolf Pfeiffer DORTMUND - „Weisse Wölfe“ – absichtsvoll geschrieben mit zwei kantigen „s“ in Nazi-Runenschrift – heißt das Comic-Buch. „Weisse Wölfe“ heißt auch die Ausstellung mit vergrößerten Seiten daraus, die im Foyer des Dortmunder Schauspielhauses zu sehen ist. „Eine grafische Reportage über rechten Terror“ haben David Schraven und Jan Feindt Buch wie Ausstellung genannt.

Wer durch die Ausstellung streift, sieht schnell, dass „Weisse Wölfe“ nicht wirklich ein „Comic“ ist. Typische Elemente wie Dialoge oder Sprechblasen fehlen. Eher haben die im knochigen Schwarz und Weiß ganz ohne Grautöne auf das Papier geworfenen Bilder Jan Feindts begleitenden, akzentuierenden Charakter. Sie liefern die emotionalen Valeurs zur Sprache des Journalisten David Schraven, die zwar nicht den staubtrockenen Sound des Faktensammlers hat, aber doch um Sachlichkeit bemüht ist.

In drei Erzählsträngen gehen Buch wie Ausstellung das Thema an. Erzählt wird von neonazistischen Aktivitäten vorzugsweise in Dortmund, von Morden und anderen Gewalttaten und von Bezügen zu den Verbrechen der Gruppierung „NSU“, zu deren zehn Mordopfern 2006 der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubasik gehörte. Zum Zweiten geht um die Biografie von Albert S., der in den Sog der Neonazi-Szene geriet und interviewt wird, zum Dritten um so etwas wie eine internationale Handlungsanweisung für Nazi-Täter: die „Turner-Tagebücher“, ein in Deutschland indizierter Roman, der die Herbeiführung eines Rassenkrieges durch gewaltbereite Gruppen zum Thema hat und den „NSU“-Terroristen als so etwas wie eine Vorlage gedient haben dürfte.

Bildseiten wechseln sich ab mit Texttafeln, auf denen David Schraven in schnörkelloser Thesenhaftigkeit die Fakten nennt. Doch erfährt man wenig Neues, viele Straftaten und nazistische Aktivitäten liegen weit zurück. Das schlimmste Verbrechen, ein Mord an drei Polizisten, den ein Neonazi beging, geschah vor 15 Jahren. Auch befremdet die Leichtfertigkeit, mit der Dortmunder Stadtteile wie Dorstfeld als „Hochburgen der rechten Szene“ denunziert werden. Als Beweise sieht man in kleinteiligen Zeichnungen Nazi-Aufkleber aus dem Stadtbild, die einem sonst wahrscheinlich kaum auffielen. Man hätte mehr aktuelles Material erwartet.

Allerdings übersieht, wer in der kulturschwangeren Atmosphäre des Theaters die „Weisse-Wölfe“-Ausstellung zu sehen bekommt, schnell, dass das zugrundeliegende Bilderbuch wohl für eine jugendliche Zielgruppe geschrieben ist, die lange Texte nicht liebt und die trotzdem mit wichtigen Botschaften über Zusammenhänge und Mechanik des rechten Terrors versorgt werden soll. Das ist natürlich nicht zu geißeln, andererseits jedoch ein Beispiel für den etwas hilflosen und ritualisierten Umgang mit dem Thema.

David Schraven hat übrigens schon mehrfach die Form des Bilder- bzw. Comic-Buchs gewählt, um politisch brisante Themen zu transportieren. So beschäftigt sich „Kriegszeiten“ (erschienen bei Carlsen), mit dem deutschen Einsatz im Afghanistan-Krieg. „Weisse Wölfe“ ist nun das erste Bilderbuch im Eigenverlag des gemeinnützigen Recherchebüros „Correct!v“, dem Schraven vorsteht und das sich einen „aufklärenden Journalismus“ auf die Fahnen geschrieben hat.

Bis 26. Juni, jeweils eine Stunde vor der ersten Vorstellung.

www.theaterdo.de

David Schraven/Jan Feindt: Weisse Wölfe. Correctiv Verlag, Essen, 224 S., 15 Euro

www.weisse-woelfe-comic.de

Quelle: wa.de

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