Rebecca Saunders bei der Ruhrtriennale

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Die Komponistin Rebecca Saunders. Drei ihrer Werke werden bei der Ruhrtriennale aufgeführt.

ESSEN Bislang hat die Ruhrtriennale unter Leitung von Stefanie Carp mit einem vor allem politischen Programm auf sich aufmerksam gemacht. Nun war einmal wieder ein Musikabend an der Reihe, einer von der Sorte, die Unbekanntes in beeindruckender Szenerie erfahrbar machen, ein Kerngedanke der Ruhrtriennale. Im Salzlager der Kokerei Zollverein wurde der britischen, in Berlin lebenden Komponistin Rebecca Saunders ein Abend gewidmet. Drei Stücke fächerten die Ton- und Gedankenwelt der Britin auf, ganz ausgesprochen furios gespielt vom Ensemble Modern unter Vimbayi Kazibonis Leitung.

„Fury II“ ist ein Konzert für Kontrabass und Ensemble. Es beginnt mit Mini-Beben des Kontrabass in tiefster Lage, die aufgenommen werden vom Klavier, dessen Saiten direkt gespielt werden, und von einem Akkordeon, das gespenstisch haucht. Die kleinen Eruptionen drängen sich und verebben wieder. Liegetöne werden durch das Ensemble weitergegeben. Die im Titel eingeschriebene Wut entlädt sich in wütenden Hieben des Solisten Paul Cannon auf die Saiten des Kontrabass. Die Schocks beben im Ensemble kontrolliert weiter. Splitterklänge wirbeln wie Blitze. Das kurze, eruptive Stück ist ein klangloses Gewitter, nur Ton und unvorhersehbare Stille. Gestrichene Klangschalen und das hauchende, schwer atmende Akkordeon mischen unerwartete Töne dazwischen. Es ist ein Stück von kontrollierter, sparsamer Kraft und Wut. Es folgt „a visible trace“ für elf Solisten und Dirigenten. Auch hier ein Eindruck gebündelter Kraft, ebenso wie von abrupter, wellenhaft ausklingender Bewegung. Die Musik scheint wie unters Mikroskop gelegt: Die raschen Gesten, die weitergereichten Liegetöne, all das wirkt, als werde hier eine unerwartete Spezies betrachtet und analysiert. Und das hat auch skurrilen Witz, wenn die E-Gitarre hawaiimäßig dazwischenklingelt, oder ein Banjo pocht wie ein Holzspecht.

Nach der Pause folgt ein neueres Stück: „Skin“ entstand 2015/16 in Zusammenarbeit mit der Sopranistin Juliet Fraser, die es in Essen selbst sang. Oder vielmehr schnarrte, heulte, schluchzte, sprach. Der Sopran und 13 Instrumente, von der Geige bis zur Bassflöte mit ihrem tiefen, seltsam unkörperlichen Klang, bis zum mit dicken Filzschlegeln geschlagenen Vibraphon, das wummst wie ein Subwoofer, sie liegen in Schichten übereinander. Schlagwerkeffekte geben Tiefe. Da keckert ein Schlegel, und Styropor knistert. Es sind schwingende, lebendige Schichten von Klang, die eigenartige Entdeckungen freigeben.

Juliet Fraser summt und heult, schlägt sich die Hand vor den Mund und versucht, schnell hindurchzusprechen. Wörter ringen sich frei: „dust“, „shadow“ und, lustvoll: „rot“, verrotten. „Skin“ malt ein ganzes Spektrum von Leben und Tod und endet auf einer verwunderten, skurrilen Note: Willkommen im fremden Ich.

Edda Breski

Quelle: wa.de

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