Rauminstallation „fm-scenario“ von Eran Schaerf

+
Mit dem kleinen grünen Kaktus: Blick in die Rauminstallation fm-scenario von Eran Schaerf in Dortmund. ▪

Von Marion Gay ▪ DORTMUND–Der Kaktus ist ein Meister der Anpassung. Und wie sieht es mit dem Redner am Pult aus, von dem nur das Glas Wasser übrig ist? Die experimentelle Rauminstallation „fm-scenario – Sendesprache – verdeckte Operation – Ansage – Fehler“ von Eran Schaerf des Hartware MedienKunstVereins (HMKV) im Dortmunder U verweist auf versteckte Zusammenhänge im Bereich öffentlicher Berichterstattung.

Der 1962 in Tel Aviv geborene Schaerf lebt seit 1985 in Berlin und lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit fast 20 Jahren produziert er Hörspiele und verbindet sie mit Radiosendungen, Ausstellungen und Publikationen. Im Mittelpunkt seines intermedialen Projekts „fm-scenario – Die Stimme des Hörers“ steht ein fiktiver Radiosender, der automatisch Höreranrufe annimmt. Falls niemand anruft, greift der elektronische Moderator auf Programme anderer Sender zu. So entsteht ein wahlloser Mix aus Medienschnipseln und Alltagsgeschichten.

Die Ausstellung, eine Kooperation mit dem Haus der Kulturen in Berlin, dem „Les Complices“ in Zürich, dem Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, setzt eine von Inke Arns aus Schaerfs Archiv zusammengestellte Radiosendung visuell um. Entstanden ist ein wilder Mix aus Alltagsgegenständen, Pressemeldungen und schlichten Möbeln. Das Suchen nach Bedeutung bleibt dem Besucher überlassen. Nicht immer wird er fündig. Der Zusammenhang zwischen einem Glas Aprikosenmarmelade, dem Kalender von 1971 und einer leeren Plastikflasche bleibt fragwürdig.

Einfacher ist es bei dem Haufen altmodischer Kleidungsstücke. Die Kleider mit übergroßen Krägen, die weißen Handschuhe und Silberketten liegen neben zwei Schildern: „Selbstfiktionalisierung“ und „Selbstbestimmung“. Natürlich sind es vor allem Kleider, die uns in unsere (manchmal auch fiktiven) Rollen schlüpfen lassen. Ein paar Meter weiter liefert ein Zeitungsartikel dazu eine verblüffende Geschichte. Berichtet wird über einen Prozess in Den Haag gegen einen israelischen Soldaten der verkleidet operierenden Sondereinheit „Samson“. Er war im Museum für Epochenräume in eine Auseinandersetzung mit Hobby-Historikern der Napoleonischen Gesellschaft geraten. Zu seiner Verteidigung erklärte ein Psychiater, der Soldat hätte sich durch seine Verkleidung in einem Zustand des Identitätsverlustes befunden und habe somit instinktiv gehandelt.

Schaerf, dessen Arbeiten auf der Biennale in Venedig und der documenta präsentiert wurden, greift auf authentische Pressemeldungen zurück und stellt ihre Aussagen in Frage. Vor allem interessiert ihn, wie sehr sich die öffentliche Meinung durch Bilder manipulieren lässt. Da sind vier Zeitungen, die im Juni 2004 über ein Treffen der irakischen Übergangsregierung mit britischen und US-amerikanischen Politikern berichten. Dieselbe Szene, viermal anders fotografiert, und jedes Mal scheint es sich um eine andere Geschichte zu handeln.

Eröffnung heute, 19 Uhr; bis 1.4., di – so 11 – 18, do, fr 11 – 20 Uhr, Tel. 0231/ 823 106,

http://www.hmkv.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare