Den Raum durchdrungen: Erich Reusch in der Situation Kunst

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Der Künstler Erich Reusch in der Ausstellung in der Bochumer Situation Kunst ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Ein Raum, eine Wand, eine runde Form, ein Kasten, ein Park im Grünen, ein Rathaus, ein Uni-Forumsplatz – Erich Reusch fühlt sich angezogen von den unterschiedlichsten Orten und Formen.

Es ist das Raumgefühl, das den Künstler antreibt. In Bochum spricht er von der „Dezentralisierung“, einem Grundmotiv seiner Arbeit, wenn er den ersten Eindruck mit seiner künstlerischen Initiative durchbricht. Seit den 50er Jahren hat Erich Reusch die moderne Plastik mitbestimmt. Seine Bodenskulpturen zählen dazu, wie neue Konzepte, wonach die Skulptur Prinzipien aus der Umgebung aufgreift und nicht mehr auf dem Sockel thront. Im Institut Situation Kunst (für Max Imdahl) richtete Reusch nun zwei Räume mit zahlreichen eigenen Werken ein.

Die Ausstellung „Erich Reusch: Der Raum ist das Ereignis. Werke 1935 – 2012“ belegt, wie initiativ der 88-Jährige seine Kunst weiterhin inszeniert. Das Gros der Exponate ist in diesem Jahr und in den letzten fünf Jahren entstanden. Vor allem in der ersten Etage wirkt Reuschs Arbeitsweise besonders frisch. Wenn ein dreieckiger roter Keil eine große rechteckige Schauwand teilt, nutzt, dynamisiert und neu definiert. Bilder wiederum bestimmen Flächen, auf denen sie hängen, und bilden gleichzeitig das Spielfeld für weitere Raumbearbeitungen. Ein kleiner schwarzer Zylinder steht auf dem Boden und lenkt den Blick auch nach unten. Kräftige Farben sorgen mit den Formimpulsen für starke Gegensätze im Raum. Ein flirrendes Gefühl entsteht, eine Sogwirkung. Vielleicht wird der Betrachter so selbst zum Teil einer Gravitationskraft, mit der Reusch einem die Orientierung schwer macht.

Eine Woche hat der Künstler an der Präsentation der Schau gearbeitet. Kleine Metallmodelle sind auf schlanken Podesten zu sehen. Sie verkörpern plastische Ideen Reuschs und stehen mitten im Schauraum. „Kann man vergrößern“, sagt Erich Reusch, „man muss aber nicht immer fünf Tonnen Bronze verschwenden.“

Der zweite Raum der Ausstellung ist nicht so durchdrungen. Hier demonstriert Reusch allerdings, wie interessiert er auch mit neuen Medien umgeht. Zwei digitale Fotos (C-Prints, 2012) zeigen schemenhaft strukturierte Lebensräume. Eins hat mit regelmäßig gesetzten roten Punkten ein kinetisches Moment erhalten. Die Reihe bringt Bewegung ins Motiv, genauso wie ein grüner Punkt, von dem eine scharfkantige weiße Linie das Fotobild teilt. Reusch korrigiert mit diesen nüchternen Mitteln den ersten Raumeindruck.

Die Ausstellung in Bochum will keine Retrospektive sein, auch wenn der Titel der Schau dies nahe legt. Allerdings sind einige Klassiker Erich Reuschs zu sehen. Die Exponate kommen aus Krefeld und Duisburg, sowie vom Künstler selbst. Zum Beispiel wurden in den 80er Jahren seine elektrostatischen Objekte bekannt. Reusch bringt in einen Plexiglaskasten (1982) ein Gemisch aus Gas und Russpartikel ein. Der Staub setzt sich wie ein Wirbel auf die Rückwand, sinkt zu Boden oder scheint das Raumvolumen zu materialisieren. Oder sein „o.T. (Relief)“ von 1954, das mit dünnen Kunststoffstäben in den Raum des Betrachters stößt.

Wie entschieden Reusch noch heute vorgeht, zeigt „Variation über ein rotes Dreieck“ (Bleistift, Acryl, 2012). Die drei Zustände vermitteln das Raumthema anschaulich, didaktisch. Reusch, der als freier Architekt in den 50/60er Jahren gearbeitet hatte, war von 1975 bis 1990 Lehrer an der Kunstakademie Düsseldorf.

Eine akustische Arbeit von Erich Reusch ist auch zu hören, im Institut, im Park des Schlosses – am Wochenende. Anwohner der Grünanlage kennen sie schon.

Erich Reusch. Der Raum ist das Ereignis. Werke von 1935 –2012. Situation Kunst (für Max Imdahl) in Bochum-Weitmar. Bis 30. September; mi-fr 14 bis 18 Uhr, sa,so 12 bis 18 Uhr; Katalog 16 Euro. Tel. 0234 / 2988901;

http://www.situation-kunst.de

Quelle: wa.de

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