Rasanter Stride und liebevolle Zitate

BOCHUM ▪ Was er macht, ist eigentlich schlicht und einfach: ein Mann und ein Klavier, so ist Raphael Gualazzi bekannt geworden. Im vergangenen Jahr holte er überraschend in Düsseldorf den zweiten Platz beim Eurovision Song Contest: Ein Mann, der klassisches Klavier studierte und Jazz mit italienischem Lied, Pop und Soul mischt. Beim Klavierfestival Ruhr gab er sein Debüt mit BigBand. In die Jahrhunderthalle Bochum war die WDR-BigBand mitgereist für ein live in WDR3 übertragenes Konzert, das außerordentlich viel Spaß machte. Von Edda Breski

Raphael Gualazzi ist 31, sieht ein bisschen aus wie Balu der Bär, der auch Jazz spielen kann, und hat einen wunderbaren Humor. Man muss nur hören, wie er den „Caravan“ (Juan Tizol/Duke Ellington) um die Ecke sausen lässt und die Gesangslinie mit einem trompetenhaften „Mwah!“ einleitet. Ähnlich cartoonig spielt er „Zuccherino dolce“, eine Eigenkomposition, in der Gesangsstimme und Piano einander enteilen. Gualazzi ist ein beeindruckender Stride-Pianist und ein fantasievoller Stilmixer. Seine Texte stehen in schönster Nonsense-Tradition. In „Zuccherino dolce“ besingt er seine „sweetest little Daisy“ in zuckrigen Worten, die bestens in jeden Nostagierocksong passen würden.

Gualazzi tritt gewöhnlich solo oder mit seinem eigenen Septett auf. Die Arrangements für die große Besetzung hatte Michael Abene, Chefdirigent des WDR-Ensembles, besorgt. Abene und Gualazzi haben ein Set hinbekommen, das Nostalgikern und Nichtjazzkennern ebenso gefällt, wie es geübtere Hörer anspricht.

Da gibt es eine traditionellere Nummer wie Bobby Timmons‘ „Moanin‘“: Gualazzi spielt die ersten Takte mit Drummer Hans Dekker und Kontrabassist John Goldsby im Trio, bis die Akzente das Laufen lernen und wegeilen. Der Mann kann Klavier spielen: er wiederholt im Diskant einen figurierten Akkord in unglaublicher Geschwindigkeit und variiert in der linken Hand die Melodie, jeder Ton kommt glasklar heraus. Er kann sich auch zurückhalten. Davon profitieren die Solisten der WDR-BigBand: Ein Bläserriff wie sandgestrahlt bereitet das Solo der Altsaxophonistin Karolina Strassmayer vor, die die Farben ihres Instruments erkundet.

Den Louis-Jordan-Song „Is You Is Or Is You Ain‘t My Baby“ beginnen Gualazzi und die BigBand konventionell. Er singt dieses Mal wortdeutlich, tut sich dann wieder pianistisch hervor und wechselt von raschestem Stride zu breitestem Swing. Frederik Köster, Gast der BigBand, betätigt sich als Hochdrucktrompeter. Das selbst geschriebene „Icarus“ beginnt mit orchestralen Klavierläufen, die die klassische Ausbildung Gualazzis verraten. „Grandma‘s Hands“ ist eine dynamisch reduzierte Hymne.

Gualazzi ist kein großer Sänger, aber einer, der ausspielt, was er kann. Er wechselt von einem rauchigen Bar-Timbre („Caravan“) zu Falsettgesang und Soulpop (in der Eigenkomposition „Tuesday“). Er ist ein begnadeter Stilmischer und ein verspielter Musiker. Als Höhepunkt gab es das Grandprix-Lied „Madness of Love“/„Follia d‘amore“, zweisprachig gesungen wie in Düsseldorf, mit hübschen Details für die BigBand.

Quelle: wa.de

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