Ralf Ebeling inszeniert Kafkas „Verwandlung“ am WLT

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Zweimal Gregor Samsa: Szene aus der „Verwandlung“ in Castrop-Rauxel mit Thomas Zimmer und Bülent Özdil.

Von Ralf Stiftel CASTROP-RAUXEL - Gleich zwei Gregor Samsas treten dem Publikum entgegen, gekleidet in Grau, streng frisiert und gefühllos. Fast wie ein antiker Chor erzählen sie die schreckliche Geschichte von dem Mann, der morgens erwacht und sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt sieht. Mal sprechen sie auch als Chor synchron, dann wieder fällt ihr Reden auseinander. Und dann legt sich der eine steif auf den Stuhl und spielt das unbewegliche Insekt.

Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel hat schon Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ auf die Bühne gebracht. Nun folgt der nächste moderne Klassiker, „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Der Regisseur ist diesmal der Intendant, Ralf Ebeling. Aber der Zugriff ist ganz ähnlich: eine Art szenisches Erzählen.

Kafkas präsurrealer Text wird mit einiger Phantasie auf die Bühne gebracht. Die Verdoppelung des Helden ist der wirkungsvollste Kunstgriff. Thomas Zimmer und Bülent Özdil verkörpern sozusagen die Zersplitterung des unglücklichen Gregor. Sie können Dialoge führen, wo eigentlich keine sind, sie können Spiel und Rede kombinieren. Zumal auf einem Stuhl eine Puppenstube steht, in der ein schwarzes Plastikinsekt den verwandelten Vertreter vor einer Webcam verkörpert. So sieht man auf Leinwänden im Hintergrund Gregors Zimmer (Ausstattung: Jeremias Vondrlik). Hinter den Leinwänden tritt die Familie auf. Geschickt rückt die Inszenierung die Zuschauer so in Gregors Rolle, gefangen in seinem Zimmer nehmen sie Vater, Mutter, Schwester Samsa als Schattenrisse wahr.

Leider setzt die Inszenierung diesen interessanten Ansatz nicht konsequent fort. Man kann sich ja die Frage stellen, ob Gregor sich wirklich verwandelt hat oder ob er nur in einer Wahnvision gefangen ist. Er bestreitet ja den Lebensunterhalt seiner Familie, der es vor der Pleite des Vaters besser ging. Vielleicht fühlt er sich nur wie ein Insekt, weil ihm sein Einsatz so wenig gedankt wird. Die Inszenierung deutet das in der Schlussszene an, wenn die Familienmitglieder befreit auf Gregors Tod reagieren. Aber über weite Strecken bebildert sie bloß Kafkas Text, als wollte man dem Besucher die Lektüre ersparen. Dadurch wirkt die eineinviertelstündige Aufführung streckenweise kalt und emotionslos. Was gewiss nicht an den Darstellern liegt. Insbesondere Zimmer und Özdil klammern, klettern, laufen, zeigen die irritierende Gefühlspalette des Verwandelten und agieren als Figurenspieler.

10.4. (10 Uhr), weitere Aufführungen im Herbst.

Tel. 02305/97 800, www.

westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

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