Rainer Fetting bereitet seine Werkschau im Dortmunder U vor

Vor seinem Gemälde „Here Are The Lemons (Desmond Cadogan)“ (2015) steht der Künstler Rainer Fetting. Foto: Stiftel

Dortmund – Die Ausstellungssäle im Dortmunder U gefallen Rainer Fetting. Doch, hier können seine großformatigen Bilder von Meeresbrandung und vom „Boy am Meer mit E-Gitarre“ atmen, findet er. Anders als in Schloss Gottorf, der ersten Station der Schau, wo alle Exponate in einer großen Halle präsentiert wurden. Aber noch stehen die meisten Werke an die Wände gelehnt und hängen noch nicht. Der Künstler ist nach Dortmund gekommen, um die Präsentation seiner Werke in Augenschein zu nehmen, eventuell etwas anzumerken.

Rainer Fetting hat Pech mit seiner Retrospektive. Schon die Premiere in Schleswig-Holstein lief mit Verzögerung wegen der Corona-Pandemie. Im Dortmunder U sind Kurator Christian Walda und sein Team eigentlich gut im Rennen. Aber zumindest einige Tage Verspätung müssen auch sie einplanen wegen des zweiten Lockdowns. Die Retrospektive sollte am 29. November eröffnet werden. Mit etwas Glück kann das Haus Anfang Dezember mit Besuchern rechnen.

Immerhin: Für die Presse nahm sich der 1949 in Wilhelmshaven geborene Künstler nun Zeit, unterbrach die Arbeiten an der Hängung und sprach über sein Werk. Die Schau wird mit rund 125 Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen die Entwicklung des Künstlers seit seinen Anfängen in den 1970er Jahren vermitteln. „Damals hieß es“, sagt Fetting, „dass die Malerei tot ist. Das hat Joseph Beuys persönlich verkündet.“ Der junge Mann aus der Provinz aber, der eine Tischlerlehre abgeschlossen hatte und in Berlin Kunst studierte, malte. Er wurde einer der Protagonisten der „Neuen Wilden“. Und er erlebte sein Coming-Out in einer Zeit, da es noch den Paragrafen 175 gab. Er war Aktivist in mehrfacher Hinsicht, lebte seine Homosexualität, malte gegenständlich, als andere Tendenzen angesagt waren wie Minimalismus, Abstraktion, Konzeptkunst. Er beschäftigte sich immer wieder mit der Darstellung der Landschaft und des Menschen. Eins seiner Werke hat praktisch jeder Deutsche schon mal im Fernsehen erblickt. Von Fetting stammt die expressive, überlebensgroße Plastik von Willy Brandt in der Berliner Parteizentrale der SPD.

Man merkt Fetting die Genugtuung über diesen großen Auftritt an. Dass endlich die Bilder zur Geltung kommen. „Mir wurde vorgeworfen, der malt nur so Privates, so seine Lover.“ Dabei ist es ihm sehr ernst mit der Malerei. „Eigentlich bin ich ein Konzeptmaler“, sagt er und nennt große Vorbilder wie Velázquez, Goya, Cézanne, van Gogh. Ihm sei es nicht auf den erzählerischen Moment angekommen, sondern auf die Sensualität der Malerei. Den Umgang mit der Farbe, die verschiedenen Arten, sie aufzutragen.

Vor einem Selbstporträt im Atelier aus den frühen Jahren erinnert er sich. „Das war kalt damals in Berlin. Wir haben die Wände mit Plastikfolie abgehängt, und für den Kanonenofen habe ich Brennholz gesammelt im Wald. Das war verboten damals so zu heizen, zu feuergefährlich. Wir haben in dem einen Raum gemalt, geschlafen, gekocht.“

„Ich war einer der ersten, die solche Sachen gemacht haben“, sagt Fetting. Zum Beispiel die Männer-Akte. Erotik sei lange eben nur mit Frauen verbunden worden. Aber viele seiner Bilder hätten auch einen politischen Aspekt, unterstreicht er. Er zeigt auf das Porträt von Desmond Cardogan, den er in New York kennen gelernt hatte. Cardogan hat für viele Künstler Modell gestanden. Fetting porträtierte ihn 2015 im Gemälde „Here Are The Lemons“. „Da karikiert er ein Klischee, nämlich dass Schwarze immer als Diener dargestellt werden. Das bekommt hier so einen ironischen Dreh, auch durch die bitteren Zitronen, die ich so fett auf das Tablett gemalt habe.“ Er ist für eine Malerei der klaren, kräftigen Farben. Die Malerei müsse deutlich sein. „Nicht so grau wie Gerhard Richter“, sagt er, „so hinter Schleiern, so neutral, so aseptisch“. Richter sei ein seriöser Künstler. Er selbst sei ein unseriöser Künstler.

So nimmt Fetting die Besucher mit auf den Rundgang. Vor den Bildern aus New York erinnert er sich an die vitale und liberale Metropole der 1980er Jahre, an die Clubs wie das CBGBs, wo er Pattie Smith hörte und Richard Hell and the Voidoids. Viele Skulpturen sind noch mit schützenden Folien umhüllt. 1986 schuf Fetting seine erste Bronze-Arbeit, den „Man in Bathtub“. Damals musste er aus seinem Loft die Badewanne entfernen. „Die Räume waren nicht zum Wohnen zugelassen, sondern nur als Gewerberäume.“ Und er kam auf die Idee, die Wanne zu einem Kunstwerk zu verarbeiten.

Kleine Bronzen stehen in einem Seitenkabinett, ein kleines Modell für das Brandt-Porträt. Und fünf Büsten des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, jede hält eine Kippe in den Fingern. „Um die Zigaretten hab ich gezittert“, sagt Kurator Christian Walda. Aber alle Arbeiten sind heil in Dortmund angekommen.

In den nächsten Tagen werden die Bilder an die Wände, die Skulpturen auf die Podeste gebracht. Und dann hoffen die Museumsleute, dass der Lockdown endet.

Retrospektive bis 14.3.2021,

www.dortunder-u.de

Katalog, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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