Die rätselhafte Malerei von Walter Eisler in Hagen

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Ein Gebäude kommt in Fahrt: Walter Eislers Gemälde „Krasnaja Snamija“ (2009) zu sehen in Hagen.

Von Achim Lettmann HAGEN - Das Gebäude hält Walter Eisler unter rosa-violettem Dampf. Es erhebt sich mit seiner rotbraunen Fassade und dem geschwungenen Geschossbau wie ein Ozeanriese im Meer. Gemalt hat der Leipziger Künstler allerdings die Elektrozentrale eines russischen Textilwerks in St. Petersburg. „Krasnaja Snamija“ („Roter Banner“) nennt er sein Gemälde, das eine Architektur von Erich Mendelsohn (1887–1953) mit ein wenig Magie visualisiert. Das Osthaus Museum in Hagen stellt derzeit 25 Arbeiten von Walter Eisler aus.

Der Sohn von Bernhard Heisig (1925–2011), dem Mitbegründer der Leipziger Schule, präsentiert sich erstmals seit zehn Jahren wieder in einem Museum. Tayfun Belgin, Direktor des Osthaus Museums, sah Eislers Arbeiten vor vier Jahren in einer Galerie und lud den Künstler ein. Die Präsentation in Hagen, die ab Dienstag noch um zehn Werke ergänzt wird, demonstriert, wie rätselhaft und vieldeutig der realistische Künstler seine Motive ins Bild rückt. Seine „architektonischen Fundstücke“ hebt er aus ihrer Umgebung heraus und feiert sie ohne große Geste in ihrer sachlichen Besonderheit. Da die Gebäude meist dem Alltag entrückt sind und nur vereinzelt Menschen auftauchen, wird der Baukörper von einer auratischen Atmosphäre kühl umfangen.

Die Architektur von Erich Mendelsohn nimmt dabei eine hervorgehobene Position ein. Neben „Krasnaja Snamija“ sind die gerundeten Fensterbänder des „Kaufhaus Schocken“ (2010) mehretagig zu sehen. Einst stand der Einkaufstempel in Stuttgart (1928). Heute lässt sich diese Kaufhaus-Architektur nur noch in Chemnitz bewundern. Zwar hielt die Architektur in Stuttgart den 2. Weltkrieg aus, aber nicht die Modernisierungswelle der 50/60er Jahre.

Ganz singulär und erhaben hat Walter Eisler den „Einsteinturm“ (2005) von Mendelsohn in Potsdam gemalt. Das dunkelblaue Abendfirmament und der rote Himmelskörper bieten einen feinen surrealen Kontrast zum hellen Licht, das den Turm und die Umgebung beleuchtet. So gesehen könnte der „Einsteinturm“ auch der Fantasiekultur Hollywoods entsprungen sein. Mendelsohn selbst gilt als moderner Klassiker der 20er Jahre.

Walter Eisler, der in Hamburg lebt, studierte 1978 bis 1982 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Auch durch seinen Bruder und Maler Johannes Heisig ist er beeinflusst worden. „Eislers Beginn ist im Osten“, sagt Museumsleiter Belgin und meint damit ebenso die Tradition der expressiven Kunst von Max Beckmann und Otto Dix, die in der DDR das figurative Malen bis in die 80er Jahre beeinflusste. So scheinen Eislers Figuren die Welten zu wechseln. In dem Bild „Die Reise III“ (2010) hält sich ein König kleinlaut an einem Schwert fest, das aufgrund seines Alterungsprozesses schon bald ein Kreuz sein könnte. Im Gegensatz zu den Architekturbildern sind die malerischen Flächen offener, unruhiger. Das Rot der Königsrobe tropft auf Arm und Schwert wie eine Verunreinigung – die Macht selbst.

Symbolisch ist Eislers Malerei und lädt zum Deuten ein. „Das Reservat“, ein Gemälde von 1989, zeigt einen Mann, der den Fäustel mit Wucht gegen einen Totempfahl führt. Steht er auf einem Schiff, ist er im Gefängnis? Die Arbeit wird ihm zur Last, obwohl es um Kultur geht. Hat Eisler „Das Reservat“ verlassen – nach der Wende? „Das Atelier“ (2013) zeigt eine Puppe ohne Kopf und eine Porträtbüste. Vielleicht der Künstler? Verlassen, entwürdigt, verkommen wirkt das. Ein düsterer Zustand.

Bis 1. September; di, mi, fr 10–17 Uhr, do 13–20 Uhr, sa/so 11–18 Uhr; Tel. 02331/207 3138;

www.osthausmuseum.de

Quelle: wa.de

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