Radu Lupu beim Klavierfestival: Konzert und Ehrung

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Sanft und abgeklärt: Radu Lupu beim Klavierfestival Ruhr in Mülheim. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ MÜLHEIM–So sanft, so zart gliedert Radu Lupu das erste der vier Schubert-Impromptus op. 142, dass sich das f-Moll aufhellt. Der Pianist befördert es kaum einmal über das Mezzopiano hin-aus. Die tragische Grundverfassung, die das Allegro moderato anbietet, beschwichtigt Radu Lupu zu einer melancholischen Haltung, die er mit einer stets durchhörbaren, gelassenen Ausdrücklichkeit erschließt. Sein Schubert atmet – und man möchte das Impromptu gar nicht mehr anders hören.

Radu Lupu gastierte in Mülheim beim Klavierfestival Ruhr, wo ihm Intendant Franz Xaver Ohnesorg den Preis des Festivals überreichte: eine Stahlskulptur und ein Stipendium. Der rumänische Pianist hat fürs nächste Festival einen Nachwuchsmusiker seines Vertrauens für ein Debütkonzert benannt: den 15-jährigen Spanier Martín García.

Als „liebevoll“ charakterisiert Ohnesorg die Interpretationsweisen Lupus und verniedlicht damit ein wenig dessen moderate Tempi und dynamische Zurückhaltung. Ohnesorg hofft, dass „mein lieber Radu“ auch künftig ins Ruhrgebiet kommt. Eigentlich will der 66-Jährige seine Konzerttermine beschränken; die letzten Einspielungen liegen Jahre zurück, Interviews gibt er nicht – und sein bescheidener Dank an „Herrn Ohnesorg“ und das Publikum ist eine seltene Ausnahme von seiner strikten Zurückhaltung.

Die zeigt er auch am Flügel. Lupu sitzt auf einem Orchesterstuhl mit Lehne, eben abgewandt vom Publikum. Er hält sich aufrecht wie ein Weitsichtiger am Schreibtisch, zeigt keine Regung, beugt den Oberkörper allenfalls beim Übergreifen zur Seite. Hat er eine Hand frei, schiebt er sich einen Haarfussel von der Stirn oder reibt sich die Nase. Die Körpersprache gibt Distanz vor. Wäre da nicht immer wieder dieses tiefe, mächtige Brummen, das Lupu vernehmen lässt, als wolle er eine besonders schöne Linie stürzen – ein Pianist in tiefer Versenkung. In der erreichen ihn offenbar weder die Störgeräusche in der Mülheimer Stadthalle noch die hartnäckigen Huster aus dem Parkett.

Ganz in sich gekehrt und abgetaucht ins Werk agiert Lupu, doch ist sein Spiel äußerst mitteilsam. Er verdeutlicht keine Struktur, er baut keine Spannung auf, um sie zu entladen oder aufzulösen – Überzeugungsarbeit und Überwältigung fehlen in Lupus Lesarten. Sie zeigen stattdessen ein tiefes Verständnis des Werks (neben Schuberts Impromtus noch dessen A-Dur-Sonate D. 959 und César Francks „Prélude, Choral et Fugue“ in h-Moll), und daraus erschließt sich seine Gestaltung wie ein langer, ruhiger Fluss. Unaufdringlich, nicht frei von Fehlgriffen, aber selbstverständlich.

Ob er das Scherzo der Schubert-Sonate in mattes Flackern wendet oder das innige Thema des vierten Satzes in den tieferen Lagen beschreitet, während die rechte Hand es mit sachten Arabesken umschwirrt: Radu Lupu öffnet Innenansichten.

Klavierfestival Ruhr bis 14. Juli; Tel. 01805/500 803;

http://www.klavierfestival.de

Quelle: wa.de

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