Max Raabe im Konzerthaus Dortmund

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Der Sänger Max Raabe

DORTMUND Preisfrage: Was haben ein Tyrannosaurus Rex, ein Huhn und Donald Trump gemeinsam? Antwort: Gar nichts. Aus derlei Nonsens baut Max Raabe, der Entertainer und Sänger in gleichem Maße ist, seine Ansagen: lustige Ideenketten, über deren Pointen eine Millisekunde nachgedacht werden darf. Es ist Mai: Max Raabe und das Palastorchester waren mal wieder im Konzerthaus Dortmund.

So schön, wie sich „Mai“ auf „Hawaii“ reimt, so schmachtend er von der Liebe und so witzig er von den Frauen singt – dieses Mal ist etwas anders. Das Konzert ist weniger lustig, melancholischer. Insgesamt abgeklärter. Die Musik vom 2017er Album „Der perfekte Moment… wird heut’ verpennt“ nimmt sich ernster. „Willst du bei mir bleiben“ ist ein Heiratsantrag mit Posaunenchorromantik. In „Ich bin dein Mann“ reimt sich ironisch „Orang-Utan“ auf „Truthahn“ und „Julius Caesar“ auf „Stromableser“. Der Text vermisst die Dimensionen, die der heutige Mann ausfüllen soll: ritterlich, hilfreich und praktisch. Es gibt auch einen Song zum grünen Lebensgefühl: „Fahrrad fahrn“. Da mag dich sogar die Polizei! Nur der Puls der Musik ist geradlinig, zieht die Musik immer weiter. Sie bleibt nie stehen. Als dürfe sie nicht.

Max Raabe spaßt natürlich auch: Großes Kino in seinem Eintänzergesicht, als er den Schlager „Amalie geht mit ‘nem Gummikavalier ins Bad“. „Mit ‘nem Gummikavalier!“ mimt er, als plaudere er ein hochnotpeinliches Geheimnis aus. Hinter dem Klavier bläst sich ein „Kavalier“ auf, dem geht die Luft aus und er knickt ab. Klar.

Noch mal ganz großes Kino: „Salome“, ein Fiebertraum von einem 20er-Jahre-Schlager, lasziv und schüchtern zugleich gesungen, als könne er die Erscheinung, die er da beschwört, selbst nicht glauben. Das ist Orient-Entertainment! Sowas kann eigentlich nur Max Raabe: diese Zwischentöne, die harmonische Verschiebung für einen Moment, als er von Küssen singt, süß wie der Tod. Ganz tiefes Gefühl verträglich verpackt als leichte Muse – das kann nur er.

Und das Palast-Orchester ist auf ihn eingespielt. Die Glockengags bei „Lulu“, zum allgemeinen Vergnügen im Saal erst in der Zugabe gespielt, sitzen im Schlaf. „Kein Schwein ruft mich an“, der Opener der zweiten Hälfte, reist im Schnellzug um die Welt: In „Ägypten“ jault der Kontrabass wie eine Schlange, die sich aus dem Korb ringelt. In „Russland“ gibt’s Pomp und Balalaika.

Es fällt auf, dass der Beat sehr durchgehend und stringent ist. „Wenn du mal in Hawaii bist“ ist die einzige wirklich langsame Nummer des Abends, eine tiefenentschleunigte Engtanznummer mit zwei Geigen. Das geht hier nur, weil die Gefühlsseligkeit so offensichtlich ausgestellt ist.

Sogar die melancholische Comedian-Harmonists-Nummer „Lebewohl, gute Reise“ wird entsentimentalisiert. Max Raabe holt sich zwar drei Musiker zum Quartett. Aber der Rest des Palastorchesters wischt leichthändig über die Traurigkeit des Liedes weg. Im Hintergrund zeigt eine Animation eine Großstadt: Zeppeline, rasende Uhren. Die Zeit rennt der Nostalgie davon.

Das Huhn und der T-Rex gehören übrigens zur Ansage von „Ich wollt’, ich wär ein Huhn“. Trump kommt als haarige Anspielung vor, in einer Anekdote über Delilah, Samson und dessen auffallend lange Strähnen. Und den allerstärksten Applaus gibt es für das „Schwein“, den „Kaktus“ und „Lulu“. Nostalgie ist ein Gift, das an Max Raabe kleben bleibt.

Edda Breski

Quelle: wa.de

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