Max Raabe im Konzerthaus Dortmund

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Die große Kunst der kleinen Geste beherrscht Max Raabe, der im Konzerthaus Dortmund gastierte.

Von Edda Breski DORTMUND - Wenige Lieder sind so totgeliebt wie „Dein ist mein ganzes Herz“. Jeder Sänger muss es draufhaben. Jonas Kaufmann sang es in der vergangenen Woche im Konzerthaus Dortmund in seinem Programm mit Hits der 20er und 30er mit einem Leuchten, das er über die Zeit ins Hier und Jetzt beamte. Wenn Max Raabe es singt, hört man jemanden, der gegen die Seligkeit die feine Klinge der Ironie richtet. Aus dem Operettenschlager wird ein zärtlicher Tango, das Kopfkino zoomt ins Tanzcafé.

Max Raabes Programme sind Fundgruben für aus der Zeit gefallene Wörter und Haltungen. Für den funkelnden Witz der Schlager, die er singt, die komische Derbheit, wenn der Gorilla in seiner Villa im Zoo die Gorillagattin laust, und die eigentümliche Verblendung von Theatralik und Innigkeit, die er in den melancholischen Chansons von Walter Jurmann und Friedrich Hollaender findet und auskostet.

Im Konzerthaus Dortmund stellte Max Raabe mit seinem Palastorchester an zwei Abenden sein Programm „Eine Nacht in Berlin“ vor. Selbstverständlich gibt es den „Kleinen grünen Kaktus“, und bei „Lu-Lu“ spielt das Palastorchester mit verschieden gestimmten Glocken. Wieder redet Max Raabe herrlichen Unsinn. Jurmanns „Wenn ein kleiner Zufall will“ kündigt er mit Überlegungen zur ungeschlechtlichen Fortpflanzung an und reimt entzückend: „Ich bin mit der Liebe durch: Ich mach‘ es wie der Lurch!“

Wie viel Nonchalance im präzisen Takt liegen kann, zeigt dann das Palastorchester: Klavier, Banjo und Tuba treiben einen kleinen Marsch vor sich her, bis Max Raabe die Melodie selbst übernimmt. Klavier und zwei Streicher begleiten ihn, und plötzlich erzählt die Musik von einer dunklen Bar, von Staubkörnchen, die aufgescheucht in der Luft liegen. Unter Ian Wekwerths Händen klingt das Klavier wie ein Pianola auf einer Aufnahme, die das Alter abgewetzt hat.

Jurmanns Lieder sind kleine Juwele. Sie brechen Gefühle, die nie genau das sind, was sie sein wollen. „Du hast mich nie geliebt“ beginnt mit ganz großem Salongefühl, enttäuschter Liebe und verletztem Ego. Mittendrin hält die Musik kurz an, das Publikum klatscht voreilig. Max Raabe antwortet trocken: „Ist gleich vorbei.“

Die Poplieder von den Alben, die mit Annette Humpe entstanden, sind direkter: weniger raffiniert, aber abgeklärter. Auch hier muss man auf die Musik hören. „Küssen kann man nicht alleine“ ginge nicht so ans Gemüt ohne den Tonartwechsel zum Refrain, der den im Text enthaltenen Liebeswunsch ins Wunschdenken verweist.

Heftig parfümierte Klarinettengirlanden kündigen an: Jetzt wird’s orientalisch. Es folgt eine frivole Geschichte über Potiphars Weib, das seinem alten Gatten entweicht, um „In der Bar zum Krokodil“ zu feiern. Sowas singt Max Raabe mit einem kurzen Anheben der Augenbraue.

Sollten jemandem seine blankpolierte Miene und die Don-Camillo-Grimassen des Pianisten als Schauwert nicht reichen: Filmsequenzen begleiten einige Lieder; rein zufällig ist die neue CD nämlich mit einer DVD gekoppelt. Darin tanzen nicht nur hübsch angezogene Pärchen, am Banjo und Schlagzeug stehen Muppets.

Max Raabe karikiert auch seinen eigenen Ruhm. Einmal verlässt er unauffällig die Bühne, singt vom ersten Rang zum Streichquartett. Das Licht geht aus, ein Spot an, direkt auf einen Pappkameraden, der im Orchester steht. Der wird per Filmprojektion zu Raabe und dankt den Solisten.

Quelle: wa.de

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