Queen Victoria, vor 200 Jahren geboren

Die britische Königin Victoria wurde zum Kronjubiläum 1887 fotografiert. Foto: bassano

1837 war die britische Monarchie an ihrem Tiefpunkt angelangt. König Wilhelm IV. galt den Zeitgenossen wie seine Vorgänger als unfähig und überflüssig, als Monarch, der den Untertanen höchstens auf der Tasche lag. Als Wilhelm am 20. Juni 1837 starb, sollte ihm auf dem Thron mangels männlicher Erben seine 19-jährige Nichte Victoria folgen. Die Erwartungen waren denkbar gering. Als Victoria nach 63-jähriger Regierungszeit 1901 starb, hatte sie die Monarchie neu definiert; ein ganzes Zeitalter wurde nach ihr benannt. Die deutsche Historikerin Karina Urbach hat Königin, deren 200. Geburtstag am 24. Mai gefeiert wurde, eine unterhaltsame Biografie gewidmet.

Die Düsseldorferin Urbach lehrt im amerikanischen Princeton, absolvierte einen nennenswerten Teil ihrer akadamischen Karriere aber in Cambridge und London. Dass ausgerechnet eine Deutsche sich der britischsten aller Königinnen annimmt, ist durchaus stimmig: Victorias Mutter Victoria Luise (1786-1861) entstammte dem Adelshaus Sachsen-Coburg-Saalfeld; ihre kurze Ehe mit dem Königsbruder Eduard von Kent (1767-1820) hatte ihr Bruder Leopold (1790-1865) arrangiert, der selbst mit der eigentlichen, früh verstorbenen Thronfolgerin Charlotte (1796-1817) verheiratet war. Eine „Ausländerin“ auf dem Thron zu haben, war in Großbritannien damals ein durchaus kontroverses Thema.

Urbach führt den Leser souverän durch die Welt des europäischen Hochadels, der auch im 19. Jahrhundert hauptsächlich damit beschäftigt war, seine Position durch Heirat untereinander zu sichern. Glücklich waren die Verbindungen selten. Victoria wuchs in gestörten Familienverhältnissen auf, widerstand aber bereits früh Versuchen, sich am Hof manipulieren zu lassen. Ihre ebenfalls arrangierte Ehe mit ihrem Großcousin Albert (1819-1861) sollte sich für sie allerdings als glücklich erweisen. Die Öffentlichkeit durfte mittels moderner PR am Familienleben teilhaben – Victoria begründete die gesellschaftliche Akzeptanz des Königshauses, die bis heute gilt.

Urbachs Darstellung bedient hier und da den Klatsch-Faktor, der das Königshaus heute noch interessant macht. Aber sie zeigt auch die Strukturen hinter der Familienfassade. Da war Victoria bei aller öffentlichen Zurückhaltung eine eminent politische Person. Zu- und Abneigung gegenüber ihren Premierministern und deren politischen Vorstellungen zeigte sie deutlich.

Victoria war bekennende Imperialistin: Indien bedeutete ihr viel; der Kaisertitel 1876 war ihr der Höhepunkt ihrer Regierungszeit. Für das viel nähere Irland hatte sie dagegen kein Verständnis: Eine Selbstverwaltung der Insel bekämpfte sie entschieden; die irisch-britischen Probleme beschäftigen Europa bis heute.

Am Ende ihres Lebens war Victoria die „Großmutter Europas“, ihre Kinder und Enkel saßen auf zahlreichen Thronen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. verstand sich selbst als Anführer der Enkelschar. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerstörte das hochadelige Familiengeflecht. Victorias Nachfolger verschleierten die deutschen Wurzeln, auf die die Königin selbst immer so stolz gewesen war.

Karina Urbach: Queen Victoria. Die unbeugsame Königin. Verlag C.H. Beck, München, 284 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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