Quadriennale: „Kandinsky, Malewitsch, Mondrian“ in Düsseldorf

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Blick in die Schau mit Malewitschs „Suprematismus (Gelbe Ebene in Auflösung)“ und der Skulptur „Gotha“.

Von Achim Lettmann -  DÜSSELDORF „Über das Morgen hinaus“ ist das pathetische Motto der Quadriennale Düsseldorf. Dieses Kunstfest in der Landeshauptstadt wird zum dritten Mal gestartet. Aber was bedeuten heute Zukunft und Fortschritt? Können wir noch den Weltraum erobern? Gibt es eine humane Gesellschaftsform für alle? Oder hat sich der energetische Schub der Moderne umgekehrt? Sind wir und die Erde noch zu retten?

Die zentrale Ausstellung zur Quadriennale Düsseldorf spannt einen Bogen. Das K20, die Kunstsammlung NRW, blickt zurück ins „Morgen“ und zeigt, wer eine neue Dimension spürt, ja sichtbar gemacht hat: Es ist der Künstler. Vor über hundert Jahren. „Kandinsky, Malewitsch, Mondrian – Der weiße Abgrund Unendlichkeit“ wird die Ausstellung getitelt, die mit einem neuen Verständnis der „Farbe“ Weiß nicht nur die Malerei veränderte, sondern im Fall Malewitschs sogar ein neues Menschenbild formen wollte. Wer in unserer Zeit den Mut verloren hat, Visionen zu folgen, der kann in Düsseldorf erleben, wie sich der Impuls visualisiert, der Zukunft entdeckt und gestaltet.

Zuerst ist ein Gemälde von Wassily Kandinsky im K20 zu sehen. „Komposition IV“ (1911) bringt Weiß auf die Leinwand, allerdings nicht nur als Beigabe zum Horizont wie in der Landschaftsmalerei. Weiß wird flächig, breitet sich aus, nimmt den Raum gegenständlicher Maltradition ein. Außerdem sind abstrahierte Figuren zu sehen, die ihre Kontur im Weiß verlieren. Weiß ist mit Rot oder Braun leicht getönt. Kandinsky mischt mit Gelb, Grau, Blau... für ihn war Weiß die Farbe der Schöpfung, der unendlichen Möglichkeiten.

Das russische Dampfbad hatte Kandinsky (1866–1944) inspiriert, wo der weiße Wasserdampf die Menschen einhüllte, die Entfernung zu ihnen verunklarte („Der Nebel schafft neuen Raum“). Für Kandinsky war es die 4. Dimension, die er darstellen wollte. In dem Bild „Romantische Landschaft“ (1911) hält nur noch eine schwarzblaue Linie die Reiterfiguren. Ansonsten erobert Weiß den Bildraum. Die Leinwand wird zur Versuchsgrundlage einer neuen Gedankenwelt.

Vor rund hundert Jahren öffneten Einsteins Relativitätstheorie oder Röntgens Strahlen die Gedanken für neue Felder der Wahrnehmung. Folglich geht es in Kandinskys allegorischen und symbolischen Landschaften nicht mehr um die Welt der Impressionisten und Expressionisten, der frühen Modernen. Im „Bild mit weißem Rand“ (1913) ist eine Lanze zu sehen, die der heilige Georg führt. Eigentlich gegen den Drachen, aber hier gegen Materialismus und Positivismus des 19. Jahrhunderts. Die Lanze ist weiß. Marion Ackermann, Direktorin des K20 und Kuratorin dieser substanziellen Ausstellung, wagt den Vergleich zum Lichtschwert aus dem Science-Fiction-Epos „Krieg der Sterne“. Weiß ist auch die Hoffnung.

Die Kuratorin hatte mit ihrem Team gefragt, was ist Weiß? Daraufhin wurden bei Mondrian, Malewitsch und Kandinsky Pigmente, Bindemittel und Malduktus untersucht. Ein neuer Ansatz, der in der Kunstwelt auf Interesse stieß. Unter den Leihgebern für die Düsseldorfer Ausstellung sind die Tretjakow Galerie Moskau, Thyssen-Bornemisza Madrid, das Centre Pompidou Paris, Stedelijk Museum Amsterdam, Guggenheim und MoMA aus New York. Insgesamt werden 45 Werke präsentiert, Hauptwerke von 1911 bis 1941. „Kandinsky, Malewitsch, Mondrian“ ist ein konzentrierte Schau, auch weil die weiße Ausstellungsarchitektur jedem Gemälde eine Wand zuweist, damit das einzelne Werk betrachtet werden kann. Die Schau ist nichts für Flaneure.

Kasimir Malewitsch schuf in seinem Weiß eine Reliefstruktur, das heißt, er tupfte die Farbe auf – mit den Fingern. In seinem Bild „Schwarzes Quadrat“ (1915) – in Düsseldorf ist eine spätere Fassung von 1929 zu sehen – wirkt denn auch das Quadrat flächig und glatt, während das Weiß darum unruhig und diffus erscheint. Wie ein unendlicher Raum. Für den russischen Künstler war es das „befreite Nichts“, in dem noch das „weiße Rauschen“ rhythmischer Bewegungen wahrzunehmen war.

Malewitsch (1878–1935) hatte in seinen philosphischen Ausführungen die Farbe überwunden. Er schaute durch das Weiß ins All, in einen unendlichen Raum, wie er in einem lyrischen Text von 1917/18 schrieb. Die Farbe Weiß steht bei Malewitsch für das Neue: „Meine Vorstellung von Farbe hört auf, farbig zu sein. Sie verschmilzt in einer Farbe – Weiß“.

Dieser Utopie kommt die Ausstellung in Düsseldorf mit Malewitschs suprematistischen Bildern nach. Und der Künstler fragt sich, wie zum Beispiel ein Tisch in der vierten Dimension wahrgenommen wird. Seine Weiß-in-Weiß-Bilder geben Antwort. Von fünf bekannten Werken sind allein zwei präsentiert. In „Suprematismus (weiße Ebenen in Auflösung)“ von 1917/18 erkennt man eine Fläche, die sukzessiv ins Weiß übergeht. Das Gegenständliche und Angewandte löst sich in Malewitschs Kunst auf. Nach seiner Auffassung ist der Mensch nun frei für das Neue.

Im Laboratorium Architektur – die Schau bietet insgesamt vier Info-Kojen (Film, Farbe, Okkultismus und Naturwissenschaft) – sind dreidimensionale Formen Malewitsch zu sehen. „Gotha“ und „Alpha“ wirken wie gigantische Fremdkörper aus der Zukunft – in Weiß.

Der Niederländer Piet Mondrian (1872–1944), Mitbegründer der Gruppe De Stijl, hat erstmals in Zeichnungen dem Weiß Nuancen verliehen („Ozean 1“, 1914). Über Wellenbewegungen und Lichtreflexe, die er beim Blick aufs Meer festhielt, rhythmisierte er eine Bildstruktur, die in „Pier und Ozean 4“ (Kohle auf Papier, 1914) das Gesehene abstrahierte. Später wurde eine Analogie zum Kosmos in diesen Zeichnungen gesehen. Mondrian stimmt früh sein Grundthema an, die universelle Harmonie. Zu dieser höheren Dimension gehörte vor allem das Weiß, weil es die größten Flächen in seinen Gemälden einnahm. Mit den Farben Gelb, Rot, Blau wie mit den Nichtfarben Schwarz, Grau und Weiß versuchte Mondrian immer eine Balance zu schaffen. Gemälde wie „Komposition mit Blau, Gelb, Schwarz und Rot“ (1922) zeigen in Düsseldorf jene Gitterstruktur, die Mondrian entwickelt hat, um Form und Materie abzubilden. Für ihn war die Nichtfarbe Weiß eine neutrale Zone. Später sollte Weiß für ihn ein Leerraum werden. „Kunst“, sagt Mondrian, sei „nur ein Ersatzmittel, wie die Schönheit des Lebens mangelhaft ist.“

Die Schau

Basisarbeit zur gedanklichen Sprengkraft avantgardistischer Kunst. Nie wurden diese Maler so präsentiert! Kandinsky, Malewitsch, Mondrian im Düsseldorfer K20. Bis 6. Juli; di, mi, so 10 bis 18 Uhr, do-so 10 bis 22 Uhr; Oster- und Pfingstmontag geöffnet; Katalog, Snoeck Verlag, Köln, 39 Euro;

Tel. 0211/ 8381 204; www. quadriennale-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

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