Pudrig: Das Ballett „Othello“ in Essen

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Schicksalhaft Liebende: Armen Hakobyan und Yulia Tsoi im Ballett „Othello“ am Aalto-Theater in Essen. ▪

ESSEN ▪ Immerzu ist es dunkel in dieser Geschichte. Die Tänzer durchmessen eine pastellig aufgehellte Dämmerung, so schattig wie die Handlung in dem neuen Tanzstück am Aalto-Theater in Essen. Die Mitglieder des Aalto-Balletts Denis Untila und Michelle Yamamoto haben das Ballett „Othello“ geschaffen, das mit Shakespeares Drama allerdings herzlich wenig zu tun hat. Der Mohr tut seine Schuldigkeit bloß als Namensgeber. Von Edda Breski

Da gibt es ein Pärchen, das sich innig liebt: Armen Hakobyan und Yulia Tsoi dehnen sich einander entgegen wie magnetisiert. Othello und Desdemona gehören zu einer glamourösen, reichlich gefühlskalten Clique. Die Frauen halten kühle Distanz, die Männer messen in ritualhaften Tänzen ihre Kraft. Die Choreografen verbinden einen roboterhaften, an Mats Egk erinnernden Stil mit Martial Arts und Limon-Technik, eine ansprechende, aber vorhersehbare Mischung. Dazu gibt es kühle Elektronik mit Violinkadenzen vom Isländer Olafur Arnalds (der Musik zu Wim Wenders‘ „Pina“ beisteuerte) und vom Filmmusikkomponisten Thomas Newman („Skyfall“).

Jago zieht die Strippen in der Gruppe. Der dunkle, agile Breno Bittencourt schlängelt und streckt sich wie Houdini, ein Magier im grünen Frack. Die Beziehung zwischen Desdemona und Othello torpediert er, weil er selbst in sie verliebt ist. Damit ist das Drama abgeflacht. Noch weniger plausibel ist die Intrige, weil Desdemona vor Othellos Augen mit Cassio (Simon Schilgen) tanzt und sich Othello sogar entwindet, um seinem Rivalen nachzulaufen.

Untila/Yamamoto haben sich von der Geschichte gelöst, wie es ihr gutes Recht im Prozess einer Nachschöpfung ist, aber sie haben sich auch vom schmerzhaften Kern des Dramas entfernt. Wie ist es möglich, dass da einer durch Eifersucht zerstört wird? Wie kann er so manipuliert werden, dass er bereit ist, den Menschen, den er liebt, zu töten und sich selbst dazu?

Der Tanz könnte, mit dem Mittel der ritualisierten Körpersprache, den emotionalen Gehalt dieser Fragen erfassen und nachvollziehbar machen, welch ungeheure Kräfte im Dreieck Othello – Desdemona – Jago herrschen müssen. Aber solche Fragen haben sich die Choreografen nicht gestellt, und deshalb ist das anderthalbstündige Ballett „Othello“ nur eine Folge ästhetischer Bewegungssequenzen in pudrigem Dämmerlicht. Othello und Desdemona, die schicksalsgeweihten Liebenden, hätten ebensogut Romeo und Julia heißen können. Anfang und Ende spielen auf „Anna Karenina“ an: Zu einer Musik, die an Zuggeräusche erinnert (Max Richters „Infra1“) stürzt sich Othello in den Tod. Die Szene, in der Untila/Yamamoto nach Tolstoi schielen, bildet eine erzählerische Klammer. Das Todesmotiv wird in einer dramaturgischen Parallele zu „Romeo und Julia“ eingesetzt.

Sehenswert sind die Kostüme von Rosa Ana Chanza Hernandez vom Dortmunder Ballett. Der apricotfarbenen Chiffon, der blaue Taft der Röcke und die Anzüge der Männer, die Ästhetik der Kleidung, in der renaissancehafte Opulenz und kühle Moderne fusionieren: Das alles ist erst beim Schlussapplaus richtig zu sehen.

13., 15., 17., 19., 21.2., 10., 16.3., 1., 11.4.,

Tel. 02 01/81 22 200,

http://www.aalto-ballett-theater.de

Quelle: wa.de

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