Puccinis „La Bohème“ an der Oper Dortmund

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Junge, große Stimmen: Szene aus „La Bohème“ in Dortmund mit Ani Yorentz und Ramé Lahaj ▪

Von Elisabeth Elling ▪ DORTMUND–Wenn es kalt ist und kein Holz mehr da, wandert Rodolfos Manuskript in den Ofen. Weil er jung ist und das Geld braucht, musiziert Schaunard drei Tage lang für den kranken Papagei eines reichen Engländers. Vier selbst ernannte Exzentriker spreizen und veräppeln sich in Giacomo Puccinis „La Bohème“. Regisseurin Katharina Thoma spielt an der Oper Dortmund mit den Posen der Figuren und nimmt davon auch Mimì nicht aus, die schwindsüchtige Stickerin mit den eiskalten Händchen.

Thoma hat einen schlüssigen Ansatz für ihre Inszenierung, die mit einer musikalisch fundierten und detailreichen Personenführung überzeugt. Das Premierenpublikum war hingerissen.

Die historisierenden Kostüme (Irina Bartels) deuten mit Zylindern, Gamaschenschuhen und Krinolinenkleidern ins 19. Jahrhundert. Die Bühne (Julia Müer) zeigt im Vordergrund einen schmalen Mansardenraum und unterstreicht mit einer gerahmten Öffnung nach hinten die Selbstdarsteller-Ambitionen der Figuren. Immer wieder erstarren sie für ein paar Sekunden, damit Marcello (hier kein Maler, sondern ein Fotograf) sie auf eine Fotoplatte bannen kann. Außerdem breitet Thoma und Müer in der Tiefe des Raumes ansehnliche Szenen aus: Eine Schneelandschaft aus bauschigen weißen Stoffmassen im dritten Akt oder den proppevollen Weihnachtstrubel im Pariser Quartier Latin im zweiten. Das Fußvolk erscheint hier in weiß-schwarzer Negativ-Optik – die Bohemiens (in Farbe) glauben sich in elitärer Distanz vom Rest der Welt.

Bemerkenswert wird diese „Bohème“ jedoch durch die Solisten: den jungen, hellen Tenor von Ramé Lahaj, der die Partie des Dichters Rodolfo singt, und Ani Yorentz‘ lyrischen und sehr anmutige Sopran in der Partie der Mimì. Die Sänger aus Albanien und Georgien wurden mit Unterstützung der Theater- und Konzertfreunde engagiert, und Opernintendant Jens-Daniel Herzog will mit diesem Sponsoring-Modell („Junge Sterne“) sein Haus zu einem „Sprungbrett“ machen. Zu lange seien Nachwuchssänger in Dortmund strapaziert worden.

Yorentz‘ Mimì offenbart gleich beim ersten Anklopfen und der scheuen Frage nach Kerzenlicht, dass ihre Schüchternheit bloß die Konvention bedient. Auch ihre Existenz als Näherin ist für die 1890er Jahre durchaus unkonventionell. Die Aufsicht der Eltern hat sie hinter sich gelassen, in die Kirche geht sie nicht, und sie braucht auch keinen Beschützer. Die Arie „Mi chiamano Mimì“, mit der sie sich Rodolfo vorstellt, formuliert mit Yorentz‘ samtigem und gehaltvollen Sopran ein Selbstbewusstsein, das diese Mimì sich im Abschiedsquartett des dritten Aktes und auch noch auf dem Sterbebett bewahrt.

Lahajs Stimme strahlt unangestrengt auch in höchsten Lagen – ein viel versprechender „italienischer“ Tenor. Sein Rudolfo dominiert mit frischem und markantem Klang das Quartett der Künstler-WG (mit Morgand Moody als Schaunard, Gerardo Garciancano als Marcello und Wen Wei Zhang als Colline). Tamara Weimerich als Musetta bereitet mit zickigen Koloraturgezwitscher ihrem weißbärtigen Galan (Hannes Brock) viele peinliche Momente.

Gestützt wird das gute Ensemble vom sängerfreundlichen Dirigat Lancelot Fuhrys. Der 1. Kapellmeister ermöglicht den vier Männern einen Comedy-Schlagabtausch in geschmeidigem Parlando. Er lässt die Dortmunder Philharmoniker in sentimentalen Harmonien schwelgen und stachelt sie gelegentlich zu dramatischen Ausbrüchen auf. Doch vor allem hält er die Musik in funkelndem Fluss. Wenn das Motiv aus der ersten Begegnung Mimìs und Rodolfos wieder anklingt, besänftigt Fuhry es wie ein Wiegenlied.

30. März; 7., 18., 29. April; 4., 27., 30. Mai; 22., 30. Juni;

Tel. 0231/50 27 222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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