Preisträger Grigory Sokolov beim Klavier-Festival

+
Applaus für den Preisträger: Pianist Grigory Sokolov (links) wurde in Essen von Franz Xaver Ohnesorg, Intendant des Klavier-Festivals, geehrt. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Ein Mal lächelt Grigory Sokolov: höflich. Seine Finger, die aus dem Frack herausschauen, beginnen in der Luft zu spielen; seine Unruhe wird greifbar.

Die Laudatio, die Franz Xaver Ohnesorg, Intendant des Klavier-Festivals Ruhr, auf Sokolov hätte halten sollen, verkneift er sich, sie „steht ja im Programm“. Man hätte sich gewundert, was Sokolov getan hätte, wäre er gezwungen gewesen, einen längeren Redebeitrag anzuhören. Am Donnerstag erhielt er in der Philharmonie Essen den Preis des Klavierfestivals 2010, verbunden mit dem Angebot zur Benennung eines Stipendiaten. Sokolov lächelte, ein Mal. Dann ging er zum Flügel, und es folgte einer jener außergewöhnlichen Abende, die er so gelassen und introvertiert spielt, als perle alles Störende von ihm ab.

Mit Superlativen ist der 60-jährige Russe weiß Gott überhäuft worden: technische Meisterschaft. Unerbittliche Konzentration. Tiefe Kontrolle. Sokolov, der fast nur noch Solorecitals spielt und ausschließlich Liveaufnahmen veröffentlicht, ist dafür bekannt, nicht mehr Zeit als gerade nötig auf Verbeugungen oder beobachtbare Gefühlsregungen zu verwenden. Seine Fokussierung auf die Musik ist absolut. All das exerzierte er am Beispiel der Bach-Partita Nr. 2, der sieben Fantasien opus 116 von Johannes Brahms und der f-moll-Sonate opus 14 von Robert Schumann vor; ein Programm, das er, wie stets, die ganze Saison über ohne Abweichung spielt.

Vollkommen ist die Beherrschung in beiden Händen, kein Hemmnis hält den Fluss der Polyphonik auf. Jedes Detail hat Platz und Gewicht, und doch nimmt keines zu viel Raum ein. Die Sarabande, ein funkelnder Solitär, bereitet den Weg für das energisch-schillernde Rondeaux und das Capriccio, dessen Schlussakkord unter Sokolovs Händen den durchschrittenen Weg der Suite zu reflektieren scheint.

Die drei Capriccios und vier Intermezzi der Brahms-Fantasien werden unter seinen Händen zu bipolaren Stimmungsbildern, zu nokturnen Reflexionen über nichts weniger als das Leben, die Liebe, den Tod. Und doch auch hier: bei aller Gewalt und Wucht, bei aller Melancholie, die Sokolov kontrolliert wie kaum ein zweiter, bleibt die Balance subtil. Sokolov erlaubt sich, wie stets, Eigenheiten, etwa wenn er außer der Reihe ein Rubato einsetzt. Doch wieder klingt alles, als gehöre es dorthin, als könne es gar nicht anders sein. Er verleiht dem, was er spielt, innere Notwendigkeit.

Die Schumann-Sonate, genannt „Konzert ohne Orchester“, spielt er mit einer maximalen Verbindung aus klassischer Formstrenge, technischer Beherrschung und Freiheit des Ausdrucks. Den vierten Satz, das „Andantino de Clara Wieck“, spielt er frei wie eine Fantasie und mit der Schwerblütigkeit und Farbigkeit, die sein Spiel auszeichnen. Vier Zugaben von Chopin und Skrjabin beenden einen großen Abend in Essen.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare