Poulencs „Gespräche der Karmeliterinnen“ in Münster

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Judith Gennrich (links) und Susanna Pütters als Karmeliterinnen in der Münsteraner Poulenc-Inszenierung. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ MÜNSTER–Der Himmel spannt sich weit und blau über der Klostermauer, später ist er weiß und rot. Die Französische Revolution geht mit ihren Trikolore-Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit über die Frauen hinweg, die dort leben. Von ihnen handelt Francis Poulencs Oper „Gespräche der Karmeliterinnen“ (1957). Andreas Baesler inszeniert sie an den Städtischen Bühnen Münster in einer kargen Zellenarchitektur von Kaspar Zwimpfer. Eine trotz einzelner musikalischer Grobheiten beeindruckende Produktion.

Die Geschichte basiert auf einer historischen Episode aus den Monaten des Großen Terrors der Jakobiner 1793/ 94. Die Karmeliterinnen von Compiègne wollen ihrem Glauben nicht abschwören und werden auf dem Schafott öffentlich geköpft. Sie gerieten in Vergessenheit, wie ein Kollateralschaden der Weltgeschichte. Papst Pius X. wiederum, der sie 1906 selig sprach, vereinnahmte sie damit als Belastungszeuginnen gegen den von ihm verdammten Liberalismus.

Die Oper konzentriert sich auf die schreckhafte Schwester Blanche, die im Kloster ihrer Lebensangst ausweichen will. „Die Welt“ holt sie in Form der Revolutionskommissare und ihrer geifernden Denunzianten (Donald Rutherford) aber ein. Als der Karmel aufgehoben, die Nonnen vertrieben werden, flieht sie in ihr Elternhaus. Doch in der drastischen Schlussszene tritt sie unter die Todeskandidatinnen, die der Reihe nach das Blutgerüst betreten.

Gertrud von le Fort erfand die fiktive Figur der Blanche 1931 für ihre Novelle „Die Letzte am Schafott“, auf der Poulencs Oper basiert. Le Fort spiegelte in den Revolutionswirren die politische Gewalt und die Endzeitstimmung, die sie in der Weimarer Republik vor der „Machtergreifung“ erlebte. In diesen Krisenjahren siedeln die Kostüme von Caroline Dohmen die Opernhandlung an.

Claudia Grundmann singt die Ängstliche mit fülligem Sopran, den sie in gellende Verzweiflungen steigert. Damit überfrachtet ihre Stimme jedoch das zurückhaltende, eher inbrünstige Wesen Blanches. Baesler macht sie nicht zur Identifikationsfigur, sondern belässt ihr ihre irritierende Verzagtheit. Auch die anderen Ordensschwestern sind mehr oder weniger spröde Charakterpartien. Bei der Kohl-Ernte im Klostergarten eskalieren die Gereiztheiten: Constance (Henrike Jacob) geht Blanche mit ihrem Alles-wird-gut-Gequassel auf die Nerven. Die alte Priorin (großartig: Suzanne McLeod) zerfleddert auf dem Totenbett ihr vertanes Leben, das ohne Glaube, Hoffnung und Liebe endet. Ihre bodenständige Nachfolgerin (Susanna Pütters) und die fanatische Novizenmeisterin (Judith Gennrich mit unangenehmer Schärfe in den hohen Lagen) führen einen in fromme Bekenntnisse gehüllten Machtkampf um die Frage, ob die Frauen den Märtyrertod suchen sollen.

All das wird in einer vorzüglichen Textverständlichkeit deutlich – gesungen wird die deutsche Fassung –, die die „Gespräche“ zu einem eindringlichen Musiktheater-Erlebnis macht. Dabei ist nicht nur das Personal des Dreiakters ungewöhnlich; auch die musikalischen Formen sind karg: gesungen wird streng nacheinander, es gibt keine Massenszenen, und natürlich auch keine Liebesgeschichte.

Poulencs Musik ist dabei allerdings äußerst eingängig: Der Ton ist oft eher süffig als lyrisch, wird nur selten in rhythmischen Brechungen aufgestört. Thorsten Schmid-Kapfenburg hält sie mit dem Münsteraner Sinfonieorchester unter Spannung. Zuweilen verdichtet er den Orchesterklang allerdings so mächtig, dass die Solistinnen dagegen nicht ankommen.

11., 13., 17., 20., 23., 25., 29. März, Tel. 0251/5909100, http://www.stadttheater-muenster.de

Quelle: wa.de

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