Porzellan aus der Manufaktur August Roloff im Museum Abtei Liesborn

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Zwei „Cakes-“ oder Gebäckdosen, die in der Porzellanmanufaktur August Roloff in den 20er bis 30er Jahren entstanden sind und Naturmotive variieren. Zu sehen im Museum Abtei Liesborn.

Von Achim Lettmann LIESBORN -  Ein bisschen Sinn für Porzellan ist schon gefragt, wenn man die Präsentation „Zerbrechliche Moderne“ im Museum Abtei Liesborn besuchen will. Die Porzellane der münsterschen Manufaktur August Roloff (1894–1931) werden hier vorgestellt, die ästhetisch zwischen den stilprägenden Richtungen des Art Déco und des Bauhauses einzuordnen sind. Das klingt abstrakt, ist aber ein sehr farbiges Vergnügen. Denn die Ausstellung macht vor allem klar, dass wir heutzutage solche Dekore nicht mehr auf dem Tisch dulden. Unsere Service sind schlichter, einfarbiger und formreduzierter.

Wer trinkt seinen Kaffee, Tee oder Mokka aus einer glockenartigen Tasse mit Volutenhenkel und Tatzenfüßen in Gold? Allein die niedliche Form könnte unseren Durst auf Koffein kaum stillen. Aber es könnte das Interesse an Dekoren wecken, die in ihrer Zeit den Bürgersinn aufs Tableau hob und Standesbewusstsein anschaulich machte. In Liesborn lässt sich prächtig schwelgen. Die große Vitrine mit den Sammeltassen scheint mit ihrer Farb- und Formfantasie aus einer anderen Welt zu kommen. Obwohl der ein oder die andere noch im Keller und im Büffett der Großtante eine solche Tasse entdecken könnte. Hier in Liesborn lebt das Biedermeier wieder auf. Denn seit die Bürger im 19. Jahrhundert die eigene Privatheit mit Vasen, Ziertellern, Freundschafts- und Erinnerungstassen schmückten, hat auch unsere moderne Sammeltasse ihre Vorfahren.

Die Porzellanmanufaktur Roloff aus Münster kam diesem bewahrenden Besitzgefühl nach. Tassen mit Trompeten-, Kelch-, Tulpen-, Schalen-, Kugel- und Kraterformen zählen dazu, die mit Schlangen-, Champagner- und Eckhenkeln bestückt waren oder einfach konisch wie oval aussahen. Rundfüße und Löwentatzen sind zu bestaunen, ebenso wie facettierte und gerippte Wandungen. Erst die flache Schalenform nach dem zweiten Weltkrieg sollte als neuer Typ die Vielfalt der Kaffee-, Tee- und Schokoladentassen egalisieren. Angesichts solcher Beispiele in Liesborn ist ein Verlust unserer Alltagskultur festzuhalten. Oder doch nur Geschmackssache?

Sammeltasse in Glockenform mit Volutenhenkel aus der Porzellanmanufaktur August Roloff, 20- bis 30er Jahre.

Die Ausstellung „Zerbrechliche Moderne“ stellt aber nicht nur sehenswerte Glasbilder, Bonbonnieren, Tassen, Teller, Gebäck- und „Cakesdosen“ aus, sondern zeichnet auch regionale Wirtschaftsgeschichte nach. Kennen Sie noch einen Porzellanmaler?

Auch an dieses Kunsthandwerk will Liesborn in Kooperation mit dem Porzellanmuseum Münster erinnern. Ein drehbarer Schemel wird als historischer Arbeitsplatz ausgestellt. Die Drehplattform fürs Einzelstück, die Pinsel, eine Lampe, ein Farbteller sind zu sehen, der die Farben benennt und auch ihr Spektrum zeigt. Außerdem sind Goldstempel, Goldradierer und Glasbürsten sichtbar.

August Roloff hatte in Fürstenberg an der Weser das Porzellanmalen gelernt und gründete 1919 seine Porzellanmanufaktur in Münster. Er kam zu richtigen Zeit, denn nach dem 1. Weltkrieg war die Nachfrage groß. Aufgrund der Inflation gingen Porzellane preisgünstig in den Export. Sogar Ausschussware konnte verkauft werden. August Roloff erwarb Weißzeug und bemalte das Porzellan anfangs noch anhand von Jugendstilvorbildern, später mit seinen Dekoren. Die Marke „ARO“ fand in ganz Deutschland Käufer. Roloff zog 1921 in die Frauenstraße 21, 1924 bereits an den Michaelisplatz mit Blick auf den Dom in Münster.

Die Ausstellung

Bis 14. September; di-fr 9 bis 12 Uhr, sa/so 14 bis 17 Uhr; Tel. 02523/98240.

Experten-Check: Sonntag, 10. 8., 14.30 bis 17 Uhr, begutachten Sammler Peter Daum, Museumsleiterin Elisabeth Schwarz und Restaurator Michael Leinz ihre Porzellane. www. porzellanmuseum-muenster.de

Porzellan war nachgefragt, weil in den 20er Jahren auch einzelne Teile eines Tafelservices gekauft werden konnten. So sparte sich die Hausfrau ihren „ganzen Stolz“ nach und nach zusammen, ein komplettes Porzellanservice. Und die Manufakturen schufen Anreize. Sie boten eine große Bandbreite an Dekoren. Einerseits entwickelte das Bauhaus in Weimar mit seiner schlichten und reduzierten Formensprache ein neues Ideal, und andererseits kam aus Paris das Art Déco über den Rhein. Es war eine Synthese historischer Stilelemente, des Rokoko und zeitgenössischer Vorlieben. Ziel des Dekors war, „das Preziöse und Galante nachzuempfinden und den Eindruck von Luxus und Müßiggang entstehen zu lassen“, schrieb C. Berents 1998.

Roloff vertrieb Tierfiguren, setzte Alt-Berliner Fayencen ein und stellte auf der Leipziger Herbstmesse aus.

Die Porzellane in Liesborn stammen alle aus den 20er bis 30er Jahren. Ein Großteil der Schau wird von der Sammlung der Familie Daum aus Münster gestellt.

August Roloff starb bereits mit 36 Jahren an einem Herzinfarkt. Seine Witwe Ida führte das Geschäft bis 1943 erfolgreich weiter. Nach dem 2. Weltkrieg allerdings hatte sich der Markt gewandelt. Porzellan wurde zunehmend industriell gefertigt und dekoriert. Handarbeit rentierte sich nicht mehr. 1955 wurde die Roloff-Manufaktur in Münster geschlossen.

Quelle: wa.de

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