Polit-Revue am Theater Münster: „Münster – Stadt der Sehenden“

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Es regnet Wahlzettel: Frank-Peter Dettmann (von links), Dennis Laubenthal, Regine Andratschke, Claudia Frost, Mark Oliver Bögel und Ilja Harjes in „Münster – Stadt der Sehenden“.

Von Achim Lettmann MÜNSTER - Stimmzettel fürs Theaterpublikum! Man braucht den Zettel nur noch hochhalten. Mit diesen Aussichten startet ein „demokratischer Abend“, den ein Moderator (Ilja Harjes) im Kleinen Theater der Städtischen Bühnen Münster ausruft. Das wirkt schwungvoll.

„Ist Demokratie alternativlos?“ Alle Stimmzettel gehen hoch. „Wer will mit Angela Merkel diskutieren?“ Stimmzettel werden weniger. „Wer wäre gern Politiker?“ Es wird sehr dünn. Lieber nicht.

„Münster – Stadt der Sehenden“ heißt das Stück, dass ganz aufgeregt mit einer Publikumsbefragung beginnt, die allerdings wie ein Warm-up bei einer Comedyshow im Fernsehen wirkt. Denn das Wahlteam auf der Bühne soll niemand ernst nehmen. Ein CDU-Kandidat mit grünem Schlips, eine FDP, die sich großzügig auch für Ausländer und Frauen einsetzen will, die ÖDP als bessere Grüne, eine SPD oder so, es kommt zum Tumult. Handgreiflichkeiten, wie sie im Berliner Bundestag noch nicht zu sehen waren.

Alles Theater? „Stadt der Sehenden“ ist ein Roman von José Saramago, dem portugiesischen Literaturnobelpreisträger. Er entwickelt die Vorstellung, dass in einer korrumpierten Demokratie niemand mehr zur Wahl geht und daraufhin die Regierung drastische Massnahmen ergreift, um ihre Legitimation wieder herzustellen. Ein Buch über politische Mechanismen, über Ohnmacht und eine Hoffnung auf Solidarität.

In Münster wird aus dieser Utopie eine Polit-Revue mit überforderten Entscheidern und unsicheren Kombattanten des Staatsapparats. Da ruft der Wahlhelfer seine Frau an, damit zumindestens eine Stimme sicher ist. Dennis Laubenthal schwitzt, buckelt und schwadroniert. Der Wahltag wird als Farce ausgestellt. Als dann Zettel vom Himmel regnen, fällt ein sinnliches Moment in die Inszenierung, die sich zwischen weißgrauen Blöcken im Nirgendwo bewegt. Stephan Fernau hat Projektionsflächen platziert, die an Messemontagen erinnern. Als der Ministerrat überlegt, wie die Bevölkerung zur Wahl gezwungen werden kann, stehen Kanzler und Co. auf den Blöcken wie Kasperletheater. Soldaten, Panzerangriff, Mauer bauen, Bombe zünden, mit diesem Instrumentarium greifen die Machthaber feixend ein. Das soll brüskieren und amüsieren. Aber angesichts des blutigen Bürgerkriegs in Syrien und der Polizeigewalt in Istanbul, die im Fernsehen tagtäglich zu sehen sind, vergreift sich Regisseur Frank Behnke im Unterhaltungsniveau. Plumper und ignoranter geht’s es kaum.

Als eine Wählerin mit dem Lügendetektor befragt wird, macht Claudia Frost („Weiß wählen, ist ein Recht“) den Fragesteller scharf. Und Frank-Peter Dettmann windet sich als dummgeiler Kerl zu ihren Füßen. Seine Moral ist überführt, aber mehr als ganz schlechte Comedy ist eben nicht zu sehen.

Regisseur Behnke kann auch mit politischen Einlassungen kaum punkten. Recheriert wurde, dass 210 000 Wahlberechtige in Münster leben, und die Beteiligung an Urnengängen äußerst gut sei. Sechster Platz bundesweit. Bravo Münster, möchte man sagen. Was braucht es da ein Stück wie „Münster – Stadt der Sehenden“?

Das Premierenpublikum gutierte die Politrevue und applaudierte zu ein paar Wünschen, die die Schauspieler am Ende erst aufrichtig vortrugen: Gleiche Rechte für Schwule und Lesben, gegen Massentierhaltung, Stadttheater und freie Szene fördern. Aber wer nimmt das noch ernst?

Idee und Bühnenfassung hatte Nicole Oder zu „Münster – Stadt der Sehenden“ erarbeitet. Die Regisseurin war bereits am Theater Heimathafen in Berlin-Neukölln, am Volkstheater München und Staatstheater Kassel erfolgreich. In Münster wurde sie zehn Tage vor der Premiere entlassen.

26. Juni, 3., 5., 11. bis 13. und 16. Juli; Tel. 0251/ 5909 100

Quelle: wa.de

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