Polemisch und fehlerhaft: Das Buch „Der Kulturinfarkt“

Von Johannes Bruggaier ▪ Die Hälfte reicht auch: Als vier Kulturmanager mit dieser Aussage im „Spiegel“ einen radikalen Umbau des deutschen Kulturbetriebs forderten, ließ der Aufschrei aus Theatern und Museen nicht auf sich warten. Dabei bietet die Subventionspolitik in Deutschland tatsächlich Anlass zu kritischen Fragen: Warum verdienen Orchestermusiker so viel mehr als Schauspieler? Warum müssen Weltstars der Musikszene auch die hintersten Winkel unseres Landes bespielen? Wo bildet sich eigentlich der Migrationsanteil im Kulturbetrieb ab? Ein Diskussionsanstoß erscheint da überfällig.

Jetzt ist das Buch „Der Kulturinfarkt“ erschienen. „Eine Polemik“ nennen die bislang kaum bekannten Experten der Kulturverwaltung (Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Armin Klein) ihr Werk – und kündigen vorsichtshalber schon in der Einführung manche Widersprüche an. Es handelt sich um ein Gedankenspiel mit Mut zum Fragmentarischen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder zwingende Plausibilität. Doch das Ergebnis ist schockierend.

Der auffälligste Mangel: Es fehlt eine präzise Bestimmung dessen, worum es eigentlich gehen soll. Denn was ist das überhaupt: Kultur? Die gängigste Definition leitet sich aus dem lateinischen „cultura“ ab, was so viel bedeutet wie die Abkehr vom Dasein als Tier: der Mensch als ein Wesen, das die Welt bebaut und pflegt. Selbst die Pflege eines Gartens oder gar einer Autobahn lässt sich dabei als kulturelle Handlung bezeichnen. Im Unterschied zu Kulturformen, die Ablenkung und Entspannung verheißen, lässt sich diese sogenannte Hochkultur so leicht vermarkten wie Strandurlaube am Nordpol.

Die Bürgergesellschaft leistet sich diese Kultur in der Überzeugung, dass sie jenseits aller Marktlogik für ihre Identität und Geschichte einen Wert besitzt. Einen Wert, der sich anders als jener der kommerziellen Produkte nicht in Euro beziffern lässt und der sich manchmal erst nach vielen Jahren zeigt. In der Kulturförderung bemisst sich die Wertschätzung der Gesellschaft für ihre Kultur. Es reicht, damit kein Mozart mehr jung verarmt dahinscheiden muss: Reich wird niemand dabei, das große Geld fließt woanders.

Haselbach, Knüsel, Opitz und Klein dagegen sehen eine Verschwörung aus raffgierigen Künstlern und profilsüchtigen Politikern am Werk, die das Volk bevormunden wollen. Statt auf dem Sofa dieser Wertschätzung zu lümmeln, so finden sie, sollten sich die Künstler am freien Markt beweisen. Dieser müsse zuvor freilich von staatlichen Eingriffen bereinigt werden: Würden die Mittel der subventionierten Betriebe gekürzt, so könnte sich eine hochwertige privatwirtschaftliche Kulturindustrie etablieren.

Das funktioniert selbstverständlich nur, wenn neben der Organisation sich auch die Kultur selbst erneuert. Kunst, meinen die Verfasser, solle „die Fantasie antreiben“, und diese manifestiere sich nun mal „sinnlich“ und „nicht abstrakt“. Womit sich hundert Jahre Kunstgeschichte kurzerhand verabschieden.

Am Theater möchten die Autoren mehr Gegenwartsdramatik sehen: damit die Hütte endlich voll wird. Nun gehört zu den größten Sorgen deutscher Intendanten, dass ihr Publikum neue Stücke meidet wie der Teufel das Weihwasser. Aber um das zu wissen, müsste man sich wohl mal selbst ins Theater bequemen.

Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Armin Klein: Der Kulturinfarkt. Knaus Verlag, München. 288 S., 19,99 Euro.

Quelle: wa.de

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