Plakatschau im Landesmuseum Münster: „Visuelle Revolten“

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Propaganda mit den Mitteln moderner Kunst: Anonymes Plakat des Sozialistischen Studentenbundes, zu sehen in der Münsteraner Ausstellung. ▪

Von Kathrin Nolte ▪ MÜNSTER–Comicartig und aktionistisch verbildlicht die Faust die Schlagkraft des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Ungeniert bedient sich der unbekannte Plakatgestalter einer Ikone der US-amerikanischen Pop-Art – Roy Lichtensteins Siebdruck „Sweet Dreams, Baby!“ aus dem Jahr 1965. „...Der Reaktion eine harte Linke“ sollte den politischen Einfluss der außerparlamentarischen Opposition 1968/69 vor Augen führen. Es ist schrill, bunt – und ein Beleg für den breiten künstlerischen Experimentierraum innerhalb der westdeutschen „Neuen Linken“.

Das Plakat ist Teil der Ausstellung „Visuelle Revolten: Münster – Mehr als ein Nebenschauplatz“ im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster. Gezeigt werden mehr als 100 Plakate, Flugblätter und Zeitschriften aus der Museums-Sammlung. Es ist ein Querschnitt aus der Zeit um 1968, der sich mit lokalen und globalen Aspekten beschäftigt. Zwei weitere Ausstellungen mit anderen Schwerpunkten folgen. Der Zeitgeist um 1968, der sich auch in den jeweils 50 im Besitz des Museums befindlichen Arbeiten von Klaus Staeck und Ernst Volland ausdrückt, steht im Mittelpunkt der plakativen Botschaften.

Der Einstieg in die ’68er-Bewegung in Münster war eng mit den Studentenunruhen und der Westfälischen Wilhelms-Universität verbunden. Im Kern ging es um mehr Mitwirkungsrechte der Studentenschaft. Eine Reaktion auf die gereizte Stimmung im Stadtgebiet ist ein mit Siebdruck und Tusche hergestelltes Plakat, das einen Polizisten angeschoben von einem Rektor zeigt. Es war der spontane Ausdruck, der sich Ende Mai/Anfang Juni 1969 zuspitzenden Frontenbildung zwischen dem Universitäts-Rektor und den Studierenden. Die Demonstration am Tag der Wiederwahl des Rektors Rollhäuser wurde durch die Polizei – darunter auch Bereitschaften der Polizeischule Bork – gewaltsam aufgelöst. In der Zeitschrift „Konkret“ vom 2. Juni 1969 berichtete Günter Wallraff aus der linken Perspektive über den umstritten Einsatz und betitelte Bork als „Prügelschule“.

Vom lokalen Standpunkt aus betten sich, mit dem Blick auf West-Deutschland gerichtet, lange aufgestaute gesellschaftliche Diskussionen, die die Dynamik des Aufbruchs dieser Zeit spiegeln. Der politische Zwiespalt zwischen Aufrüstung im Kalten Krieg und Bildungsnotstand in Schulen und Hochschulen offenbart der mit drei Friedenszeichen versehene Plakat-Spruch: „In der Rüstung sind sie fix, für die Bildung tun sie nix.“ Auch der Kampf gegen alte und neu Nazis spielt in der Politiklandschaft 1968 eine bedeutende Rolle. So verdächtigte Staeck die CDU der insgeheimen NPD-Nähe. Hintergrund sind die von SPD und FDP ausgehandelten Verträge mit Moskau und Warschau. Das CDU-Plakat zur Bundestagswahl 1953 („Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“) wurde 1972 mit einem modernisierten NPD-Plagiat („Verzicht ist Verrat – wehrt euch gegen die rote Gefahr“) konfrontiert.

Die damalige Protestkultur zeigt sich in der ausdrucksstarken Spannweite der Sammlung, die einen Einblick in die Spannung und Hektik jener Jahre voller Unruhe in der Bundesrepublik Deutschland gewährt.

Bis 1.5., di–so 10–18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0251/590 701, www. landesmuseum -muenster.de

Quelle: wa.de

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