15.000 Fans in der Lanxess-Arena

Placebo rocken bei Tourstopp in Köln

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KÖLN - Als Rocksänger muss man auf seinen Konzerten nicht gerade die Fähigkeiten eines Märchenonkels offenbaren und seine Songs marktschreierisch anpreisen. Brian Molko, Frontmann der britischen Alternativ-Rocker Placebo, hat das offenbar besonders verinnerlicht. Beim Konzert in der Kölner Lanxess-Arena sagt er ein einziges Mal "Dankeschön", mehr hat er abseits der Songs nicht zu vermelden. Da lässt er lieber die Musik sprechen.

Von Tim Griese

Distanziert und unterkühl tritt der 40-jährige auf. Die Setlist spult er professionell herunter, für Schnickschnack bleibt in den rund 100 Minuten keine Zeit. Zur Beruhigung: Das läuft immer so ab auf Placebo-Konzerten und ist auf der anderen Seite auch ein Zeichen der Konsequenz: Placebo machen keine Gute-Laune-Musik, Dur ist dem Trio ein Fremdwort. Das Leben ist ernst, da braucht es kein Lächeln, keinen Zuspruch.

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Placebo rocken in Köln

Unterstützt wird die kalte Atmosphäre von einem durchsichtigen Vorhang, der hin und wieder für ein paar Nummern von der Hallendecke an den Bühnenrand herabgelassen wird, vermutlich, um Lichter visuell anders wirken zu lassen. Leider wirkt der Effekt eher wie eine zusätzliche Barriere, die das Trio zwischen sich und den rund 15.000 Zuhörern aufbaut. Als bei "Speak in Tongues" die Mauer erstmals wieder emporgezogen wird, ist auch bei den jubelnden Fans eine Befreiung zu spüren. Das hätte sich die Band sparen können.

Ein wenig inflationärer hätten Placebo dagegen mit ihren Hits umgehen können: Natürlich präsentiert das Trio Klassiker wie "For What It's Worth", "Every You Every Me" oder "Meds", allerdings liegt das Hauptaugenmerk auf dem aktuellen Album "Loud Like Love". Aus der sticht vor allem "Too Many Friends" mit seinem eingängigen Refrain heraus, das durchaus Potential besitzt, um auf der nächsten Best-Of-Platte zu landen.

Handwerklich ist die Band einwandfrei unterwegs, der Sound in der Lanxess-Arena ist klasse. Vor allem in den ruhigen Passagen der Songs wie etwa in "Scene of the Crime" kommt Molkos typisch hohe nasal ausgeprägte Gesangsstimme zur Geltung. "Purify" braucht etwas, um in die Gänge zu kommen, dann entwickelt sich ein wilder Gitarren-Schlagzeug-Galopp. Reduziert und mit Progressive-Einschlag kommt dagegen "Exit Wounds" daher, das im Refrain wunderbar hymnisch wird. Auch auf Platte Nummer sieben zeigen sich Placebo gewohnt abwechslungsreich, obwohl ihr markanter Stil stets erkennbar bleibt. Dafür hat das Trio schon immer ein feines Händchen gehabt.

"Space Monkey" aus dem Jahr 2006 beispielsweise ist ein experimentell angehauchter Brocken von einem Musikstück mit Sprechgesang und Flackerlicht, "Blind" wird mit Elektrobeats eingeläutet und bei "Special K" kann im "Da, da, da"-Part jeder im Saal mitsingen, während die Band zum Ende hin "Mr. Brightside" von den Killers in den Song einbaut. Mit dem Kate-Bush-Song "Running Up That Hill", das mittlerweile im Placebo-Stil assimiliert zum Standard bei Konzerten geworden ist und sich mit seinem schleppend sphärischen Klang wunderbar ins Set einpasst, bauen die Londoner auch ein Cover ein.

Gerne im Einsatz bei ihren Stücken haben Placebo ein Keyboard. Das wird hin und wieder von einem der drei zusätzlichen Tourmusiker intoniert, aber auch Bassist Stefan Olsdal nimmt wiederholt auf dem Stuhl dahinter Platz, wie etwa beim mystisch angehauchten "Twenty Years". Der Anblick entbehrt nicht einer gewissen Komik, wirkt der schlaksig lange Musiker hinter dem kleinen Instrument doch wie der Spielzeugklavier spielende Schroeder aus den Peanuts. Da gibt es also doch was zum Lachen. Wenn auch unfreiwillig.

Quelle: wa.de

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