Das Picasso-Museum Münster zeigt Jean Cocteau im Dialog mit Picasso

Das Pastell „Profil mit Eiffelturm“ zeichnete Jean Cocteau 1958. Zu sehen ist es in der aktuellen Ausstellung im Picasso-Museum Münster. - Fotos: Museum

Münster - In dieser Pastellzeichnung weiß der Betrachter sofort: Paris. Dabei ist der Eiffelturm reduziert auf drei Bögen und eine Schraffur. Die Sonne – ein Kringel mit Strahlenkranz. Die Wolken hingekritzelt in Blau. Und davor steht, wie eine antike Gottheit, ein weibliches Profil. 1958 schuf Jean Cocteau dieses Blatt.

Zu sehen ist es im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, in der Ausstellung „Cocteau trifft Picasso“. Die Schau feiert sozusagen den Geburtstag der Freundschaft zwischen dem französischen Multitalent und dem spanischen Maler. Im Juli 1915 war Cocteau in Picassos Atelier gekommen, und er war sofort tief beeindruckt. Die Freundschaft hielt, trotz einer zwischenzeitlichen Eintrübung, bis zu Cocteaus Tod 1963.

Bestückt ist die Schau, die rund 400 Exponate präsentiert, aus dem Bestand des Picasso-Museums und aus der Sammlung von Ioannis Kontaxopoulos. Der griechische Jurist besitzt rund 800 Werke von Cocteau – und besucht regelmäßig von seiner Brüsseler Wohnung aus die Ausstellungen des Museums. So entstand ein herzlicher Kontakt, der auch dazu führte, dass Kontaxopoulos nach der Schau 50 Blätter seiner Sammlung als Dauerleihgabe nach Münster gibt.

Es ist das erste Mal, dass ein Museum die beiden Freunde im künstlerischen Dialog vereint. Dabei erschließt sich schnell, wie sinnfällig diese Verbindung ist. Zumal, das unterstreicht Museumsdirektor Markus Müller, Picasso sein Gegenüber nicht erdrückt. Cocteau, der „Tausendsassa“ (Müller), war mehr als der Dichter, Kritiker und Filmregisseur, der auch in der Kunst dilettierte. Der souveräne Zeichner hatte ein sichere Gespür für die Reduktion der Linien. Schon 1916 arbeiteten beide zusammen beim legendären Ballett „Parade“ der Ballets Russes in Paris. Cocteau schrieb das Libretto, Picasso schuf das Bühnenbild. 1919 war Cocteau Trauzeuge, als sein Freund die Russin Olga Chochlowa heiratete. Der Franzose führte Picasso in die Pariser Bourgeoisie ein, machte es möglich, dass aus dem Bohèmien der Starkünstler wurde. Und Picasso hatte zeitlebens eine stärkere Neigung zu Literaten als zu Künstlerkollegen, wie seine Kooperationen mit Max Jacob, Guillaume Apollinaire, Paul Éluard zeigen.

In thematisch gehängten Räumen kann man nun vergleichen, wie Picasso und Cocteau ähnliche Themen und Motive bearbeiteten. Sie teilten viele Vorlieben, zum Beispiel die griechische Mythologie. Auch Cocteau porträtierte sich selbst als Faun oder ließ einen Faun in der Farblithografie „Montagnes Marines“ (1961) versonnen auf eine Gruppe heiter tanzender Nackedeis blicken. Cocteau sah sich als Nachfahre des antiken Sängers Orpheus, und er malte sich 1951 als Orpheus mit Lorbeerkranz. Picasso wiederum lässt bei seinem Farbholzschnitt eines Faunskopfs (7.2.1962) die eigenen Gesichtszüge durchschimmern wie bei einer fotografischen Doppelbelichtung. Manche von Cocteaus Keramiken erinnern an antike griechische Vasenmalerei, auf die sich auch Picasso bezieht. Ähnlich dicht korrespondieren die Blätter der beiden Künstler, wenn sie Stierkämpfe, den Zirkus und freizügige erotische Szenen darstellen.

Die Ausstellung hängt vergleichbare Motive nebeneinander. Auffällig, dass zuerst Cocteau seine Freundin Francine Weisweiller im auffälligen Profil porträtiert (1.11.1952). Picasso schuf 1953 eine Lithografie, die dieser Darstellung sehr ähnelt, wenn auch übersetzt in die ganz eigene, von geometrischen Strukturen bestimmte Formensprache. Cocteau zeichnete 1948 eine Porträtserie des Dichters Honoré de Balzac. Vier Jahre später folgt Picasso. Künstlerisch gibt es eine große Distanz: Cocteau zeichnet eher realistisch, wenn auch mit starker Reduktion. Picasso abstrahiert, löst den markanten Kopf in dekorative Muster auf oder formt mit wenigen Strichen eine Art Fels. Ob es da eine Inspiration gab? Sammler Kontaxopoulos gibt zu bedenken, dass zum Beispiel Balzac mit seinem auffälligen Äußeren ein sehr populäres Thema auch für andere Künstler war. Und Müller betont, dass hier gerade nicht das Spiel der Einflusssuche gewollt sei.

So ergibt sich eine überaus anregende Begegnung zweier starker Künstlerpersönlichkeiten. Die Schau zeigt auch, wie sie bei allen Berührungen und Überschneidungen in ihren Vorlieben doch ihre Eigenständigkeit behielten.

Ergänzend zeigt das Haus die Ausstellung „Moderne Zeiten“ mit Lithografien von Fernand Léger, die von Charlie Chaplin inspiriert sind.

Bis 18.10., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 41 44 710, www. kunstmuseum-picasso-muenster. de; Katalog, Hirmer Verlag, München, 35 Euro

Quelle: wa.de

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