Picasso-Museum Münster zeigt Grafik von Paul Klee

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Fantasievoll und romantisch: Paul Klees „Hoffmanneske Märchenszene“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Mit dem Titel „Hoffmanneske Märchenszene“ verspricht Paul Klee nicht zuviel.

Vom Hahn auf dem Dach eines Märchenschlosses bis zur ekstatisch zurückgebeugten Dame, deren Mund eine unendlich lange Tonspirale entspringt, hat er das scheinbar so leichte Blatt vollgestopft mit kleinen Erzählungen und Späßen. Und im Titel beruft er sich auf einen seelenverwandten Vorläufer, auf das romantische Multitalent E.T.A. Hoffmann natürlich, der auch ein großer Satiriker war. Man muss das langsam auskosten, all die Details vom Schirmchen über die Uhr bis zu den Figürchen. Klee tobt sich in der 1921 entstandenen Farblithographie richtig aus, fabuliert fröhlich und spannt doch alles in eine geschlossene Bildkomposition, die spannungsvoll der dreischiffigen Schlossarchitektur ein farbiges Muster unterlegt.

Das großartige Blatt gehört zur Ausstellung „Paul Klee. Grafik“ im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster. Das Haus zeigt aus der Sammlung des Zentrums Paul Klee in Bern rund 140 Blätter von 1903 bis 1932. Damit dokumentiert die Schau alle Schaffensphasen des bei Bern geborenen Künstlers (1879– 1940) und praktisch das Gesamtwerk in diesem Medium. Klee schuf insgesamt rund 160 Grafikblätter. Die in der Schweiz erstmals gezeigte Schau bietet erstmals in Deutschland einen so umfassenden Überblick dieser Werkgruppe.

In der Grafik begann auch Klees Karriere, wie Michael Baumgartner vom Zentrum Paul Klee erläutert. Um 1903 entstanden die „Inventionen“, eine Serie von Radierungen die von den Karikaturen des Simplicissimus und anderer Zeitschriften angeregt waren. Es waren gleich Erfolge, zum Beispiel das Blatt zweier tief Gebückter. „Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich“, titelte Klee, und schon da gehört der Titel durchaus zum Werk. Immer wieder befasst er sich, angeregt durch Nietzsche, mit der Sexualität. „Jungfrau (träumend)“ heißt ein Blatt, das einen Frauenakt zeigt, wie eine Raubkatze auf die Äste eines kahlen Baums gebettet. Dieser distanziert-ängstliche Blick auf die Frau war damals verbreitet, zum Beispiel auch im Symbolismus.

Visionär dagegen Klees skeptisches Blatt „Held mit dem Flügel“ (1905), das einen Muskelmann mit nur einem Arm zeigt, der zudem noch in einer Trageschlaufe steckt, und mit einem Flügel. Aufgetrumpft wird da nicht, Klee ist antipathetisch.

Von Anfang an erkennt man sein fabelhaftes Talent für reduzierte Linien. Um 1910 entstehen Landschaften wie das Blatt vom Münchner Exerzierplatz, wo er mit einem schmalen Streifen eine Horizontlinie gibt und eine Diagonale nach vor führt, sonst aber viel Fläche frei stehen lässt.

Er schließt sich in München dem „Blauen Reiter“ an, und Kollegen wie Kandinsky schätzen vor allem die Zeichnungen und Grafikblätter. Lange schwankt der begabte Geiger, ob er Musiker oder Maler sein soll. Erst auf der Tunis-Reise 1914 hat er sein Erlebnis und notiert: „Die Farbe hat mich.“ In den 1920er Jahren wird er Lehrer am Bauhaus und nutzt begeistert die Druckerwerkstatt für Experimente. In dieser Zeit entstehen auch seine reifsten, seine virtuosesten Druckblätter, zum Teil als Einladungskarten für Veranstaltungen wie „Laternenfest Bauhaus 1922“. Die Schau ermöglicht auf überzeugende Weise vergleichendes Sehen, indem sie mehrfach verschiedene Fassungen eines Drucks und Zeichnungen des Motivs nebeneinander zeigt. Seine Blätter vereinen oft eine geradezu kindliche Unmittelbarkeit mit formaler Verrätselung, man schaue nur auf die puppenhafte „Hexe mit dem Kamm“ (1922).

Klee verließ das Bauhaus, weil er dessen Kommerzialisierung nicht mitmachen wollte. Seine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf gab er 1933 auf und emigrierte vor den Nazis in die Schweiz. Seine späten Blätter sind mal abstrakt, wie die amöbenhaften Strukturen zum Beispiel bei „L‘homme approximatif“ (1931). Mal sind sie von abgeklärter Heiterkeit wie in „Rechnender Greis“ (1929).

Paul Klee. Grafik im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster. 28.11.– 11.3.2011, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 414 47 10,

http://www.graphikmuseum.de

Quelle: wa.de

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