Pianist Yundi spielt beim Klavierfestival Ruhr Chopin

ESSEN ▪ Byronisch ist Yundis äußere Erscheinung schon genannt worden, in Anspielung auf seine gepflegte schwarze Haarmähne und die langen weißen Finger, die er auf der Tastatur so effektvoll einzusetzen weiß. Es ist vorstellbar, dass ihm diese Zuschreibung gefallen hat, denn Yundi – der seit seinem Wechsel von der Deutschen Grammophon zu EMI seinen Nachnamen Li weglässt – ist ein Musiker, der extremen Wert auf die theatralische Darstellung seiner Kunst legt. Sein Kernrepertoire ist das romantische – Chopin und Liszt –, seine größten Erfolge hat er damit errungen. Von Edda Breski

Im Jahr 2000 hatte seine Weltkarriere mit dem Sieg beim Chopin-Wettbewerb in Warschau begonnen, nachdem der erste Preis 15 Jahre nicht mehr vergeben worden war. Da war Yundi 18. Jetzt ist er 28, ein schmaler, soignierter Mensch, man könnte auch sagen: glatt. Zum vierten Mal schon war er beim Klavierfestival Ruhr zu Gast, in der Philharmonie Essen spielte er Chopin: eine Auswahl von Nocturnes, eine Polonaise, das Andante spianato und die Sonate Nr. 2.

Zum Warmspielen gibt‘s die Nummern 1 und 2 aus den Nocturnes opus 9: prononcierter Diskant über pedalweichem Bass, belkanteske Melodieführung, im zweiten Nocturne sogar Affektstau und Fluss. Reizvolle Salonmusik, die nach der großen Oper schielt. Luxuriöse, reiche Linien auch in den Nocturnes opus 16, 27 und 48; Yundi zeigt seine immensen Stärken in all den schattierten Akkorden, den Dämmerpassagen, in federweichen Übergängen. Mit dem Andante spianato et Grande polonaise in Es-Dur gibt er seine Visitenkarte ab; so hat er selbst das Stück immer wieder bezeichnet. Er spiele es immer etwas anders, je nach Stimmung. In Essen muss er in launisch-verspielter Stimmung gewesen sein, die spielt er aus in Ritardandi und Melodien, die sich wie diaphane Schleier übereinander legen, und er spielt sie aus in der noblen, grandiosen Polonaise. Auch in der As-Dur-Polonaise Nr. 6 wird er brillieren, er hat ein Gefühl für das Großartige, Verschwenderische.

Man kann Yundi nicht sehr lange zuhören, bevor Wolken des Wohlklangs das Gehör vernebeln. Das ist zwar ein angenehmes Gefühl, hat aber nichts Distinktives. Dabei sind es eigentlich nicht nur Nebelkerzen, die Yundi auf Lager hat. Er ist ein virtuoser Pianist, ein Musiker mit viel Empfinden für romantische Stimmungen, ein Techniker, der seine Fähigkeiten sehr wohl in den Dienst eines Stücks stellen kann. Aber dann kommen beispielsweise die „Vier Mazurkas“ opus 33, die bei Yundi nichts mit der Volksmusik zu tun haben, denen Chopin sie in seiner Heimat abgelauscht hat. Yundi erzeugt eine Wintergartenatmosphäre, in der Treibhauspflanzen matt vor sich hin blühen. Wieder und wieder verwischt er den Notentext, rast über einzelne Noten hinweg, was ein Pianist von seinen Fähigkeiten nun wirklich nicht nötig hat. Zu wenig Sorgfalt? Kaum zu glauben bei einem Mann, der sein Spiel – und sich selbst – dermaßen kunstvoll inszeniert, leicht das Gesicht verzieht, als das Publikum zwischen zwei Stücken klatscht, und der die Finger genießerisch aneinanderreibt, mitten in einem Allegro. Letzten Endes ist er doch weniger Childe Harold als ein Beau Brummell des romantischen Repertoires: ein Dandy, ein Inszenator.

Von der b-moll-Sonate bleibt wenig im Gedächtnis haften. Ein Trauermarsch, der in brillanten Akkorden tragisch-elegisch daherkommt und auf den weichste Versenkung folgt. Kantable Melodieführung, wohlkalkulierte Glanzlichter. Von Struktur ist da wenig, nur Klangerzeugung und Nachlauschen.

Tel. 01805/ 500 803

http://www.klavierfestival.de

Quelle: wa.de

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