Pianist Stadtfeld spielt beim Klassiksommer Hamm

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Subjektive Bach-Sicht: Martin Stadtfeld spielte in der Hammer Alfred-Fischer-Halle, Nicholas Milton leitete die Nordwestdeutsche Philharmonie. ▪

Von Edda Breski ▪ HAMM–Jazz auf einer Orgel, Konzerterlebnisse auf dem Flugplatz oder im Wasserturm – seit Jahren gestalten die Organisatoren des Hammer Klassiksommers ein Festival, das mit seltenen Spielorten und Besetzungen jenseits der üblichen Klassikformationen auch ein klassikfernes Publikum anziehen soll.

In diesem Jahr setzt man hauptsächlich auf das Crossover zwischen Klassik und Jazz. Passend dazu vereinte das Auftaktprogramm am Sonntag in der Alfred-Fischer-Halle moderne Ohrwürmer des sinfonischen Jazz und den Altmeister, auf den sich moderne Komponisten und Improvisateure so gerne besannen: Martin Stadtfeld, zum dritten Mal Gast beim Hammer Festival, spielte Bachs d-moll-Konzert in d-moll BWV 1052 und Gershwins „Rhapsody in blue“. Hinzu kamen die Sinfonischen Tänze aus Bernsteins „West Side Story“ und die „Candide“-Ouvertüre, außerdem Gershwins „Amerikaner in Paris“, gespielt von der Nordwestdeutschen Philharmonie unter Nicholas Milton – ein bewusst populäres Programm, mit Energie und Spielfreude gespielt.

Stadtfeld unterstrich in Hamm seinen Status als eigenwilliger Bach-Interpret, spielte subjektiv-romantisch, arbeitete den dramatischen Charakter des Stücks heraus, subjektivierte mit Rubati und Arpeggien. Im zweiten Satz geriet er ein wenig ins Stocken: Stadtfeld spielte wie isoliert, obgleich Bach hier Solopart und erste Violinen einander nachahmen lässt, und verlieh dem Satz damit den Charakter des Abgründigen. Milton, derzeit noch Chef der Jenaer Philharmoniker, ließ passend dazu sehr süffig spielen. Während er Bach modernisierte, griff Stadtfeld mit Gershwin zurück auf eine nahezu barocke Strukturreflexion. Im Vorfeld des Konzertes hat Stadtfeld darauf hingewiesen, wie viel sich Gershwin in punkto Klavierbehandlung von Bach abgeschaut hat. Vor diesem Hintergrund ist Stadtfelds „Rhapsody in blue“ zu verstehen: neben dem ausschwingenden Blues-Thema betonte er die verinnerlichten Passagen, horchte in die Struktur hinein.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie spielte statt unter dem sonst beim Klassiksommer omnipräsenten Dirigenten Frank Beermann, der krankheitsbedingt für diesen Sommer ausfällt, unter dem Australier Milton. Er forderte für Bernstein und Gershwin einen schneidigen Rhythmus und eine scharfe Tongebung ein: die „Candide“-Ouverture und die Sinfonischen Tänze dirigierte er auf den Punkt, mit Verve, aber ohne viel Schnörkel und Klangromantik, die ja gerade zum Bernstein nicht recht passen. Schön, dass er sich der „Klangtradition“, die vor allem der berühmte Film von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 erzeugt hat, zu entziehen suchte. Den Rhythmus hätte man sich aber teils etwas weniger akademisch streng gewünscht, auch wollte im Pandämonium des Mambo das Klangbild nicht stimmen: das Schlagzeug klang knallig und überpräsent, die Streicher gingen dagegen unter. Das war sicher auch der Akustik der Fischer-Halle geschuldet.

Die Nordwestdeutsche Philharmonie zeigte sich einmal mehr als homogener, spielfreudiger Klangkörper, allerdings trübten Unsicherheiten und der eine oder andere Aussteiger an exponierter Stelle das Hörvergnügen ein wenig.

http://www.klassiksommer.de

Quelle: wa.de

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