Auf dem Weg zum Jazzstar: Pianist Michael Wollny im Konzerthaus Dortmund

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Die neue Stimme am Jazzklavier: Michael Wollny im Konzerthaus Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Mit beiden Armen lässt sich Michael Wollny auf die Tasten fallen. Die wuchtigen Cluster dröhnen durch das Konzerthaus Dortmund. 20 Sekunden Krach, mit röhrendem Bass und krachendem Schlagzeug. Dann holt das Trio den Ausbruch zurück in eine kontrollierte Phrase. Und die Zuhörer im ausverkauften Haus lauschen konzentriert einer gewiss nicht einfachen Musik, und dass sie sich eine Zugabe erklatschen, ist gewiss nicht bloß Höflichkeit.

Wollny, 1978 in Schweinfurt geboren, ist auf dem Weg zum deutschen Jazz-Star. Unlängst widmeten ihm die ARD-Tagesthemen ein Porträt. Nun ist er auf Tour mit dem Posaunisten Nils Landgren durch große Hallen.

Auf seiner aktuellen CD „Eternal Beauty“ durchbricht die Grenzen der Genres. Er greift nicht bloß in die Jazztradition, sondern bedient sich überall. Beim Konzert spielt er Kompositionen von Alban Berg („Nacht“) und Paul Hindemith („Rufe in der horchenden Nacht“) neben einem Song „Be Free, A Way“ der Rockband „The Flaming Lips“. Was gemeinhin ein Publikum mitreißt, das lässt er nur in Momenten aufblitzen: pointierte Rhythmen, eingängige Melodien, Wiedererkennbares. Mit dem US-Bassisten Tim Lefebvre und dem Schlagzeuger Eric Schaefer vertieft sich der Pianist, der dem Publikum den Rücken zuwendet, den Kopf über die Tasten senkt, so dass die langen Haare sein Gesicht meistens verdecken, in Improvisationen, die oft sperrig wirken, aber deren Konzentration sich sofort mitteilt. Die Band spielt mit enormer Dynamik, findet immer wieder zu ekstatischen Steigerungen, lässt es dann einen schmerzlich-intensiven Moment lang krachen wie eine Rockband, und schaltet wieder in den Romantik-Modus.

Es ist erstaunlich genug, wie Wollny das Publikum mit seiner kompromisslosen Musik für sich einnimmt. Nach der Pause sitzt er aber wieder am Klavier, diesmal in Lils Landgrens Band. Und statt freier Klangflächen und atonaler Sounds ist nun Schmusejazz angesagt. Der schwedische Posaunist kommt zunächst mit dem Gitarristen Johan Norberg auf die Bühne und stimmt Brenda Russells Song „Get Here“ an. Auf der neuen CD „Eternal Beauty“ führt er einigermaßen nostalgisch in die 1980er Jahre, interpretiert Hits wie „Broken Wings“ von Mr Mr und „We don’t Need Another Hero“ von Tina Turner als entschleunigte Balladen. Dabei gibt er sich hemmungslos romantisch. Bei diesem Material fallen die Grenzen seiner Stimme auf: Er summt mit einer Art heiseren Flüstern, bleibt nah an den Noten, setzt auf Wiedererkennbarkeit. Ein Anti-Crooner. Man könnte das kitschig finden, wäre der Mann nicht so unverschämt sympathisch und wären da nicht seine Posaunensoli. Seine weiche Intonation veredelt noch das trivialste Material.

Seine Mitstreiter gehören zu den besten skandinavischen Musikern, und so hört man nicht unbedingt gespannt, aber doch auch nicht völlig gelangweilt zu. Bis Wollny sein Solo hat. Und der beweist auch in diesem sehr konventionellen Kontext seine Klasse. Er lässt schon in Begleitfiguren die Funk-Bop-Meister wie Herbie Hancock und McCoy Tyner anklingen. Als Solist treibt er die Spannung sofort hoch, geht an und über harmonische Grenzen. Hinreißend.

Den Höhepunkt erreicht der Abend bei der Zugabe. Da bittet Landgren Wollnys Begleiter auf die Bühne, und nun jammen sie zu siebt. Keine Balladen mehr, sondern treibender Hochenergie-Funk. Lefebvre am E-Bass liefert sich ein Duell mit Landgrens Bassmann Lars Danielsson, Schaefer trommelt mit Rasmus Kihlberg um die Wette, und die Zuhörer reißt es vollends von den Sitzen. Die Party hätte Landgren gern eher einläuten dürfen.

Quelle: wa.de

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