Philadelphia Orchestra mit Charles Dutoit begeistert in der Essener Philharmonie

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Lauter „wüste, gemeine Gesichter“: Der dritte Satz des Violinkonzerts von Tschaikowsky hat den Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick zu der Vermutung hingerissen, es gebe Musik, die stinken könne. Heute wird das Konzert eher mit Schmelz und Glanz übergossen und oft gefühlig gespielt. In Essen zeigen das Philadelphia Orchestra unter Charles Dutoit und die Solistin Janine Jansen, wie gut es dem Stück tut, wenn das Gefühlige durch Genauigkeit gedämpft wird.

Wieder einmal war eines der amerikanischen „big five“-Orchester in der Philharmonie Essen zu hören. Charles Dutoit dirigiert es seit drei Jahrzehnten. Noch ist er Chef in Philadelphia; 2012 kommt sein Nachfolger, der junge Kanadier Yannick Nezet-Séguin. Die 31 Jahre Erfahrung, die Dutoit seit seinem Debüt in Philadelphia gesammelt hat, sind jedem Takt anzumerken. Er begleitet Janine Jansen wachsam, feinnervig und rhythmisch durchstrukturiert. Auch die Nebenstimmen sind präsent, Parts, die gerne unter Orchesterschmelz verschwinden, liegen unter Dutoits Händen am Licht. Den druckvollen Klang des Philadelphia Orchestra nutzt er, um die Tuttiaufnahmen des Themas im ersten Satz unerwartet aufblühen zu lassen. Die zweite Tuttiwiederholung hat bei allem Glanz etwas Schwermütiges.

Jansen wirkt entschlossen, Tschaikowskys Violinkonzert sorgfältig aufzurauen. Sie spielt mit kräftigem Strich, ihre Spitzentöne klingen wie energisch herausgestoßen. Was ruppig wirkt, ist der gelungene Versuch, jegliche Sentimentalität zu umgehen; auch in der Canzonetta, die dynamisch differenziert gespielt wird, insgesamt aber gedeckt bleibt. Wieder lassen Details aufhorchen, die das Orchester aus dem Zauberkasten seines „Philadelphia sound“ holt: die fragende Cellophrase in der zweiten Piano-Wiederholung des Themas, oder die zaubrig schwebenden Violinen vor dem Übergang zum dritten Satz. Jansen ist prima inter pares, trotz der Virtuosität, mit der Tschaikowsky das Soloinstrument behandelt. Zwischen ihr und dem Orchester besteht ein empfindsames Miteinander, auch im dritten Satz, hier ein volkstanzhaftes Stück. Das riecht zwar noch nicht nach Landluft, ist aber handfester als üblich.

Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ hat unter Dutoit Puls und Disziplin. Obwohl er mit rhapsodischem Gestus beginnt, bleibt seine Genauigkeit immer spürbar. Mozarthaft, jugendfrisch sind die „Träume“ des Poeten. Der zweite Satz, „Un bal“, ist wie ein französischer Roman: geistreich, distanziert, beobachtend. Berlioz hat nicht nur das Drehen und Wenden der tanzenden Paare komponiert, sondern auch Spott und Klatsch und die Beobachtung, unter der jedes Mitglied der feinen Gesellschaft steht – Dutoit lässt das hören. Sorgfalt herrscht in der Ausführung jeder Einzelheit: Für das Duett zwischen Englischhorn und Oboe steht der Oboist draußen; auch die Röhrenglocken werden später von der Seite gespielt. Marsch und Hexensabbat stecken voller gruseliger Effekte – die gedämpften Hörner! – und böser Lustigkeit. Dutoit lässt das mit viel Sinn für das Theaterhafte spielen.

Quelle: wa.de

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